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Sabine Schmitt zeigt „material talks“

Ausstellung Sabine Schmitt zeigt „material talks“

Um sein Pausenbrot trocken, fettfrei und sauber einzuwickeln, bietet sich Butterbrotpapier an. Es ist viel besser als beispielsweise Zeitung dafür geeignet, die Tasche vor Fettflecken und herausrieselnden Krümeln zu schützen. Wenn die Göttinger Künstlerin Sabine Schmitt mit Butterbrotpapier arbeitet, gerät das Brot allerdings ohnehin schnell in Vergessenheit.

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Zwiegespräch von Material und Form in Weiß: die Kunst von Sabine Schmitt, inszeniert im Künstlerhaus.

Quelle: Heller

Sie geht, so der Titel ihrer Ausstellung im Künstlerhaus, ein Gespräch mit dem Material ein, lauscht dessen Raunen, spätestens dann, wenn es zur voluminös barocken Walze aufgebauscht an der Wand hängt. In ihren „material talks“ verdrahtet, legt und klebt sie unter anderem viele Schichten von Papier zusammen und erarbeitet daraus ihre weißen Werke. „Geflecht“ webt Streifen um Streifen über die Leinwand, große, mehrfach gefaltete und locker aufgehängte Bögen zeigen durch Löcher in regelmäßigen Reihen Durchblicke und Verschiebungen. In ihrer hellen, zarten Sprache erweisen sie neben Serialität und Papierfaltkunst sogar weiblich konnotierten Techniken wie der Lochstickerei ihre Referenz.

Viele Papierarbeiten, denkt man zum Beispiel an die Papier collés von Picasso und Braque, bringen eher Farbfelder denn ihren Materialcharakter zum Vorschein. Bei Schmitt, deren persönlicher Bezug zu Japan eine große Rolle in ihren Arbeiten spielt, ist das anders, das Material steht in seiner zittrigen Fragilität, die sich hier und da als erstaunlich haltbar erweist, im Fokus.

Doch nicht nur in Japan sind die Wurzeln dieser reduzierten, minimalinvasiven Papieroperationen zu suchen. Es geht auch bewusst um die Reduktion, um den Verzicht auf Farbe, von einigen kleinen Kleisterspuren abgesehen. Die strukturgebende Radikalität weißer Flächen ist längst nicht mehr nur übertragener Ausdruck für Leere, Abwesenheit und Nichts. Seinen großen Auftritt hatte die sogenannte Nicht-Farbe nach Malewitschs weißem Quadrat auf weißem Grund von 1918 in den 1960er Jahren bei Manzoni, Fontana und Ferrari. Ebenfalls Mitte der 1960er Jahre experimentieren Richard Serra – an dessen Kautschukbänder die „Lagen“ Schmitts in ihrer Form erinnern – und andere amerikanische Künstler mit industriellen Werkstoffen. Die Materialien wurden wenig bearbeitet in einen Bezug zum Raum gesetzt.

Industrielle Produkte, oftmals aus der Verpackungsindustrie, macht sich auch Schmitt neben vielen Mischtechniken, bestehend aus kleineren Leinwänden, Tape, Gips, Kohle, Wachs oder Zement, für ihre Rauminstallationen zunutze.

Eine große Bodenplastik, „ichi“, schichtet neuwertige durchsichtige Plastikdeckel versetzt übereinander, jeder ist mit einem oder zwei Streifen weißer Ölfarbe, wie mit dem Finger bemalt, gezeichnet, bezeichnet. Sie sind jeder für sich eins und fügen sich im Übereinander zu einer Anmutung von Schriftzeichen zusammen. In Trennung und Zusammenfügung, im Zwiegespräch von Material und Form entstehen belebte und vielfältig interessante Oberflächen.

Die Ausstellung „material talks“ mit Werken von Sabine Schmitt läuft bis Sonntag, 3. April, im Künstlerhaus Göttingen, Gotmarstraße 1. Sie ist dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr, an den Wochenenden von 11 bis 13 Uhr geöffnet.

Von Tina Lüers

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