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Regional Sängerin Barbara textete Lied "Göttingen"
Nachrichten Kultur Regional Sängerin Barbara textete Lied "Göttingen"
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19:18 12.02.2017
7. Juli 1964: Barbara im Jungen Theater in Göttingen.  Quelle: Archiv
Göttingen

Zu tief sind die Wunden der Vergangenheit - während des Zweiten Weltkrieges musste sie sich jahrelang vor den deutschen Besatzern und dem mit Nazi-Deutschland kollaborierenden Vichy-Regime verstecken. Kaum in Göttingen angekommen, will die Sängerin wieder abreisen. Dann bleibt sie doch, und am Ende schreibt sie ein kleines Lied, das zur Hymne der deutsch-französischen Verständigung wird. Titel des Liedes: „Göttingen“.

Das Chanson handelt von Menschen, die Hermann, Helga, Fritz und Franz heißen, von den Märchen der Brüder Grimm, von blonden Kindern und von den wunderschönen Rosen, die in Göttingen blühen. Am Ende heißt es (in der deutschen Übersetzung): „Lasst diese Zeit nie wiederkehren und nie mehr Hass die Welt zerstören. Es wohnen Menschen, die ich liebe, in Göttingen. Doch sollten wieder Waffen sprechen, es würde mir das Herz zerbrechen! Wer weiß, was dann noch übrig bliebe von Göttingen, von Göttingen.“

Das Lied war eine Reaktion auf den warmherzigen Empfang, der Barbara in der Universitätsstadt bereitet wurde. Dass sie überhaupt nach Göttingen gekommen war, lag an dem Direktor der Jungen Theaters, Hans-Gunther Klein. Dieser hatte Barbara Anfang 1964 in Paris bei einem Konzert erlebt und sie zu einem Gastspiel eingeladen. Die Sängerin lehnte zunächst ab, doch Klein blieb so beharrlich, dass sie schließlich zusagte.

In Göttingen musste sie verärgert feststellen, dass statt des versprochenen Flügels ein Klavier auf der Bühne stand. Sie weigerte sich, unter diesen Umständen aufzutreten. Schließlich gelang es einigen Studenten, in einem Nachbarhaus bei einer alten Dame einen Flügel aufzutreiben. Mit zweistündiger Verspätung konnte das Konzert schließlich beginnen. Es wurde zu einem Triumph. Das Publikum, das geduldig ausgeharrt hatte, feierte die französische Sängerin enthusiastisch.

Im Juli 1964 kommt die Chansonsängerin Barbara zu einem Gastspiel nach Göttingen. © EF

Barbara war so beeindruckt, dass sie ihr Engagement verlängerte. Am Nachmittag vor dem letzten Konzert verarbeitete sie ihre Eindrücke in dem „Göttingen“-Lied, das sie dann abends in der noch unfertigen Fassung vortrug. Nicht nur das Göttinger Publikum war überwältigt und zutiefst gerührt. Das Chanson wurde eines der berühmtesten Werke der Sängerin und eines der populärsten Chansons in Frankreich. Barbara sang es am Ende jedes Konzerts.

Seit 2002 gehört es dort zum offiziellen Lehrstoff der Vor- und Grundschulen.

Für Göttingen ist die 1997 im Alter von 67 Jahren verstorbene Künstlerin bis heute eine einzigartige Werbeträgerin. Die berühmte Chansonnière hat mit ihrem Lied die Stadt weit über Frankreich hinaus bekannt gemacht. 1988 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz und die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen. Seit 2002 ist eine Straße nach ihr benannt. Am ehemaligen Gebäude des Jungen Theaters in der Geismarlandstraße, in dessen Garten sie das Lied textete, ist eine Gedenktafel angebracht.

Zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrages im Januar 2003 erinnerte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder an die Wirkung des Liedes: „Was Barbara dort direkt in unsere Herzen hinein gesungen hat, das war für mich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen.“

Barbara hat in ihrer unvollendeten Autobiographie die Entstehung des Liedes beschrieben. Sie verdanke dieses Chanson „der Beharrlichkeit Günther Kleins, zehn Studenten, einer mitfühlenden alten Dame, den kleinen blonden Kindern Göttingens, einem tiefen Verlangen nach Aussöhnung, aber nicht des Vergessens.“

pid

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