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Regional Liedermacherin Dota im Interview
Nachrichten Kultur Regional Liedermacherin Dota im Interview
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00:19 10.11.2018
Die Berliner Songwriterin Dota Kehr Quelle: Jörg Linnhoff
Göttingen

Angefangen hat sie mit ihrer Musik Anfang der 1990er Jahre auf der Straße. Damals nannte sich Dorothea Kehr selbst noch Kleingeldprinzessin – zunächst war sie allein unterwegs und später mit ihren Stadtpiraten. Seit dem hat sich einiges gewandelt: Heute heißt die Liedermacherin schlicht Dota, ihre Band ist ihre Band und von der Straße geht es mittlerweile in gut gefüllte Clubs. Denn Dota ist spätestens seit ihrem Erfolgsalbum ‚Keine Gefahr’ keine Unbekannte mehr. Das tolle Werk kletterte vor zwei Jahren bis auf Platz 14 der deutschen Album-Charts und heimste den Preis der deutschen Schallplattenkritik ein. Mit dem neuen Album ‚Die Freiheit’ hat die gebürtige Berlinerin den Chart-Coup jetzt sogar noch übertroffen (Platz 11). Nun kommt die studierte Medizinerin mit dem neuen ambitionierten Werk und ihrer Band auf Tournee und gastiert am Sonnabend, 10. November, ab 20 Uhr im Kulturzentrum Musa. Zuvor stand Dota unserer Zeitung für ein Interview zur Verfügung:

Frau Kehr, Ihr neues Album trägt den Titel ‚Die Freiheit’. Wie sind Sie auf diesen Titel gekommen?

Unser Graphiker hatte einen Vorschlag für das Cover entworfen: Darauf ist ein Fabeltier mit Bärenklauen, einem Einhornkopf, Flügeln und einem Federschweif. Dann fiel mir ein, dass ein Lied auf dem Album ‚Die Freiheit’ heißt und ich fand es einen passenden Titel zusammen mit dem Fabeltier. Denn die Freiheit ist schön und stark und seltsam und rar und aktuell vom Aussterben bedroht. Außerdem passt der Titel auch inhaltlich zu vielen Stücken auf dem Album: Mal geht es um die Freiheit als Sehnsucht und Alltagsflucht, mal um die Orientierungslosigkeit, mal um die Freiheit als das Recht der Stärkeren, Reichen und Rücksichtslosen.

Dem Titelstück gemäß scheint die Freiheit Sie zu überfordern?

Sie meinen die Textzeile: ‚So viel Freiheit, ich bin überfordert. Was mach’ ich daraus? Ich such mir einen Yogalehrer, der mir sagt, wann ich einatmen soll und wann aus.’ Es wirkt lustig und ist gar nicht so gemeint. Ich glaube, darin schwingt deutlich mit, dass es sich bei der Freiheit um ein Luxusproblem handelt.

Und warum ist das Lied so kurz geraten?

Das Lied ist so kurz, weil in der einen Zeile schon alles enthalten ist. Das Leichte und das Schwere, das Ernste und das Lustige. Danach konnte einfach in dem Lied nichts mehr kommen. Außerdem liegt mir Pathos sehr fern. Deshalb konnte ich den großen Albumtitel auch nur wählen, weil er von dem kurzen Lied ausgeglichen wird.

Sehen Sie die Grundrechte Freiheit und Gleichheit bei uns gut austariert?

Es gibt immer einen Widerstreit zwischen den Werten: vor allem zwischen Freiheit und Gerechtigkeit. Deshalb braucht es einen funktionierenden Staat und eine Umverteilung, damit Chancengleichheit herrscht. Genau das hat aber in den letzten Jahrzehnten immer schlechter funktioniert. Gleichheit vor dem Gesetz und politisch gleichwertige Möglichkeiten der Einflußnahme für jeden – egal ob arm oder reich – sind ständig zu verteidigen gegen die Versuche, ein besonderes Ausnahme-Recht für Reiche oder große Unternehmen zu schaffen. Sonst bedeutet Freiheit nur das Recht des Stärkeren.

Hatten Sie von Anfang an vor, ein gesellschaftskritisches Album zu schaffen?

Ich hatte das überhaupt nicht vor. Ich dachte eigentlich, ein sehr persönliches und lebenslustiges Album geschaffen zu haben. Erst bei den vielen Fragen aus der Presse fällt mir auf, dass es tatsächlich viele aktuelle Themen der Zeit widerspiegelt.

Haben Ihrer Wahrnehmung nach rassistische Tendenzen – wie in dem Lied ‚Zwei im Bus’ thematisiert – in unserer Gesellschaft zugenommen?

Ja, ich denke schon, dass es eine neue Situation ist, eine offen rassistische Partei im Bundestag und in allen Landtagen sitzen zu haben. Soweit sind die Republikaner und die NPD nie gekommen – und das macht mir Angst. Was ist der faschistische, völkische Traum, den die da haben? Es ist beängstigend und man kann gar nicht genug über die Gefahren von völkischem Denken und Nationalismus reden. Aber das Lied ‚Zwei im Bus’ hatte ich schon 2014 angefangen und jahrelang überlegt, wie ich es enden lassen soll. Es ist eher ein Plädoyer dafür, doch im Gespräch zu bleiben, statt sich niederzubrüllen.

Wie beschreiben Sie heutige Gesellschaften, die sich die Freiheit nehmen, an ihre Spitze autoritäre Regenten zu wählen?

Als zu faul zum Denken. Es ist absurd, dass genau die Leute, die die Verlierer des sozialpolitischen Kahlschlags sind, ihre Antworten bei den Wirtschaftsliberalen suchen, die diese Politik befürworten. Jedenfalls trifft das auf Donald Trump und die AfD zu. Klar ist jedenfalls: Nationalismus ist erschreckend in Mode gekommen, obwohl nur Internationalismus die großen Krisen der Zeit lösen könnte.

In der Single-Auskoppelung ‚Raketenstart’ singen Sie: ‚Wir haben die Katastrophe kommen sehen...’. Welche Katastrophe meinen Sie?

Wenn man es genau benennen will, dann ist das wohl die Habgier und die Idee von immerwährendem Wachstum. Die ist bei den globalen Eliten besonders wirkungsstark. Statt sich einzugestehen, dass die Resourcen des Planeten endlich sind und wir damit wirtschaften müssen, wird wohl über das letzte saubere Wasser Krieg geführt werden...

Waren Sie schon immer ein politischer Mensch?

Ich nehme mir gar nicht explizit vor, politische Themen zu behandeln. Es klingt jetzt so, als wäre das Album eine gesungene gesellschaftspolitische Agenda oder so; aber es ist vielmehr an erster Stelle Musik.

Mit Platz 11 in den deutschen Charts ist ‚Die Freiheit’ Ihr bisher erfolgreichstes Album. Haben Sie mit diesem tollen Erfolg gerechnet.

Ich versuche beim Schreiben alle Erwartungen abzustreifen und mich nicht danach zu richten, wovon ich denke, es würde besonders ‚gut ankommen’. Das wäre ein Irrweg. Ein Freund von mir – der Schriftsteller Christof Stählin – hat es gut auf den Punkt gebracht: ‚Mit Kunst nicht zielen. Wenn man getroffen hat, wird man es schon merken.’

Wie wichtig sind Ihnen Chartplatzierungen und kommerzielle Erfolge?

Die Charts interessieren mich überhaupt nicht, aber es gibt ein paar praktische Vorteile für uns als Band, da wir dadurch stärker wahrgenommen werden.

Was bedeutet dann für Sie Erfolg?

Ich habe mal in Berlin zufällig eine Wand entdeckt, wo jemand eine Zeile von mir hingeschrieben hatte. Meine frühere Mitbewohnerin war über ein Wochenende zelten und erzählte mir dann, dass abends am Feuer ein Lied von mir gesungen wurde. Ein Cousin hatte jahrelang ein Lied von mir auf einer Mixkassette und erst bei einem Familienfest, wo ich gesungen habe, hat er festgestellt, dass das Lied von mir ist. Das sind die Lorbeeren, die ich mir verdienen möchte.

Was macht für Sie den Reiz des Tournee-Lebens aus?

Zum einen stehe ich gerne auf der Bühne und wir verstehen uns sehr gut, so dass es immer eine lustige Klassenfahrt-Atmosphäre im Bus, beim Essen und beim Aufbauen ist. Und auf Tour ist alles so klar strukturiert: Man weiß genau, was man zu tun hat, wann man wo sein muss, wie lange man aufbaut und den Sound checkt... Man lebt den ganzen Tag lang auf den Abend zu, um dann konzentriert und gut sortiert auf der Bühne zu stehen.

Und was darf man dort jetzt von Ihnen erwarten?

Oh, einfach vorbeikommen! Das Live-Programm ist abwechslungsreich und macht viel Spaß. Wir sind gut eingespielt und spielen vor allem Stücke vom neuen Album, eine kleine Auswahl von vier oder fünf älteren Liedern und auch mindestens ein noch unveröffentlichtes Stück.

Von Thorsten Hengst

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