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Regional In durchsichtigem Gewand
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00:17 27.04.2017
Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Klavierspieler kennen das übliche Arrangement von Orchesterstücken, nämlich für Klavier zu vier Händen. Doch macht das erfahrungsgemäß den Spielern mehr Spaß als den Hörern. Es gehen ja nicht nur die Klangfarben verloren. Der Klavierton kann – im Gegensatz zum Ton eines Bläsers oder Streichers – nach dem Anschlag nicht mehr verändert werden. Das setzt der Gestaltung Grenzen.

An den Arrangements im Aulakonzert waren dagegen neben dem Klavier auch Streicher, Bläser und weitere Instrumente beteiligt. Bruckners Siebte meistern zwei Violinen, Viola, Cello und Kontrabass sowie Klarinette und Horn, dazu Klavier, Harmonium und Pauken. Im Finale aus Mahlers „Lied von der Erde“ gibt es neben der Gesangssolistin die erwähnten Streicher mit einem vollständigen solistischen Holzbläsersatz (Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott) plus Horn, dazu Klavier, Harmonium und Celesta sowie Schlagzeug.

Es handelt sich dabei um historische Fassungen aus dem „Verein für musikalische Privataufführungen“, den Arnold Schönberg 1918 in Wien gegründet hatte. Die Bruckner-Symphonie ist 1921 von Hanns Eisler, Erwin Stein und Karl Rankl bearbeitet worden, ebenfalls 1921 hat Arnold Schönberg Mahlers „Lied von der Erde“ arrangiert, allerdings nicht komplett. Die nötigen Ergänzungen stammen von Anton Webern und Rainer Riehn.

Diese Informationen braucht man, um den hohen musikgeschichtlichen Stellenwert des Göttinger Konzerts einschätzen zu können. Diese heute fast nie zu hörenden Arrangements des Schönbergschen Vereins verfolgten eine ganz bestimmte Absicht, am wichtigsten: Orchestermusik erhält in diesem durchsichtigen Gewand einen bemerkenswerten Zugewinn an struktureller Klarheit.

Dafür sorgten die in Brüssel beheimateten Gastmusiker mit Enthusiasmus, auch wenn sich hier und da ein mitreißend strömender Fluss (für den im Orchester der Dirigent sorgt) nicht ganz einstellen wollte. Doch gab es sehr wohl auch viele packende Momente, bei Bruckner etwa im besonders intensiven Streicherklang im Adagio – hervorgehoben sei der wunderbar reiche Celloton von Amy Norrington – oder im rhythmisch konturenscharfen Scherzo. Die Klangfarben waren in Mahlers „Lied von der Erde“ noch differenzierter schattiert, das Verhältnis zwischen dem voluminösen, im Forte manchmal etwas zu vibratoreichen Mezzosopran von Christianne Stotijn und den Instrumentalstimmen fein ausbalanciert. Die zahlreichen Zuhörer bedankten sich mit lautstarkem, lang anhaltendem Applaus.

Die kommende Saison der Aulakonzerte unter dem Motto „Geliebter Brahms“ umfasst sechs Konzerte. Sie wird am 24. September eröffnet und am 15. April 2018 mit einem Festkonzert „50 Jahre Göttinger Kammermusikgesellschaft“ beendet.

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