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Regional „Elch für den Glück – ein Glück für den Elch“
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17:56 16.01.2017
Elch Gerhard Glück mit Elch-Warnweste während der Preisverleihung. Quelle: Nadine Eckermann
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Göttingen

„Dieser außergewöhnliche Preis bedeutet mir sehr, sehr viel“, sagte Glück während der unterhaltsamen Verleihung im ausverkauften Deutschen Theater, ohne näher darauf einzugehen. Fast ein wenig verlegen und gerührt erklärte er später im direkten Gespräch, dass der Elchpreis „doch ein sehr sensibler Preis ist, den schon einige sehr besondere Leute bekommen haben“.

„Dieser Preis bedeutet mir sehr, sehr viel“

Die Elch-Preis-Jury hatte Glück zuvor als „einen der ganz Großen der komischen Kunst“ beschrieben“. Der bereits mehrfach ausgezeichnete 72-jährige Kasseler Künstler sei ein Spiegelmacher höchst eigenwilligen und einzigartigen Zuschnitts, ein bildnerischer Verführer sondergleichen, ein heimlichen Lehrmeister und ein großartiger Schalk.
„Ein Elch für den Glück – ein Glück für den Elch“, hatte die Jury ihre Wahl zum Preisträger 2017 betitelt. Damit konnte auch sie nicht der Versuchung widerstehen, mit Glücks Namen zu spielen. Fast kein Festredner konnte es, obwohl dem Preisträger genau dabei „immer wieder die Nackenhaare aufsteigen“, verriet Glücks Freund und künstlerischer Weggefährte, der Publizist Peter Baumann, zu Beginn seiner Laudatio. Auch der Satiriker, Autor und Mitbegründer des Titanic-Magazins, Pit Knorr, beendete seine „hessische Lesung“ mit tiefgründigen, satirischen und immer wieder zum Schmunzeln anregenden Texten mit einer Ode auf den Preisträger Glück inklusive Anspielung auf das Glück.

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Der Göttinger Elch geht 2017 an...

Nicht weniger humoristisch gab Baumann einen sehr persönlich gehaltenen Einblick in das Wesen des Menschen Glück: Er blickte auf den Jungen aus Frankfurt, der von Beruf Indianer werden wollte, auf den schlaksigen „Gerd Spinnebein“, der als vielseitiger Maler kein Kunstfälscher werden konnte, „weil ihm dazu die nötige Charakterschwäche fehlte“, der ein echter Familienmensch und Hesse ist, nie fliegt und nach Aufgabe seines geliebten (Kunst)Lehrerberufes mit seinen Zeichnungen doch ein Kunsterzieher geblieben ist. Glück selbst bedankte sich mit einer bittersüßen bis bösen Beschreibung des „wahren Elchlebens“ inklusive einer Bilderstrecke unförmiger Keks-Elche mit Papp-Geweih.

Das Bild zeigt eine Glück-Replik auf das Bild eines Kollegen: „Wilfried zeigt seinen neuen Schuhen den grauen Alltag“. Bei F.K. Wächter waren es Brüste, denen die Männer, gezeigt wurden.

Auch wenn Alt-Elch Ernst Kahl in seinem Grußwort inklusive einer Geschichte über das ungewöhnlichen Paarungsritual der Elche die Göttinger aufforderte, den Preis doch in Auerhahnpreis umzubenennen, wird es beim Elchpreis bleiben. Die Stadt Göttingen vergibt diesen seit 1997 für das satirische Lebenswerk eines Zeichners, Texters und Darstellers. Er soll den guten Ruf der komischen Künste und das Ansehen der Satiriker im deutschen Sprachraum festigen. Ausgezeichnete Vorgänger Glücks waren unter anderen Robert Gernhardt, F.W. Bernstein, Otto Waalkes, Helge Schneider, Olli Dittrich, Gerhard Polt und Harry Rowohlt.
Der Geldpreis wird vom Göttinger Tageblatt und von den VGH-Versicherungen gestiftet, die Silberbrosche vom Göttinger Juwelier Orfeo. Bis vor zwei Jahren konnten die Preisträger auch 99 Dosen Elch-Suppe mit nach Hause nehmen. Die gibt es nicht mehr – stattdessen bekam Glück einen Präsentkorb mit touristisch anmutenden Artikeln – und einer Mettwurst.

Das Elchrudel

Der „Göttinger Elch“ ist Deutschlands einziger ­Satire-Preis. Künstler, ­Kabarettisten, Schriftsteller und Schauspieler erhalten ihn für ihr Lebenswerk. Er ist dotiert mit 3333,33 Euro und einer vollsilbernen Elch-Brosche. Bis 2015 gehörten weiterhin 99 Dosen Elchrahmsuppe dazu. 1997 wurde der Elchpreis erstmals verliehen. Bisher haben den Göttinger Elch erhalten:

  • 1997: Chlodwig Poth (1930-2004)
  • 1999: Robert Gernhardt (1937-2006)
  • 2000: Gerhard Polt
  • 2001: Harry Rowohlt (1945-2015)
  • 2002: Marie Marcks (1922-2014)
  • 2003: F. W. Bernstein
  • 2004: Emil Steinberger
  • 2005: Otto Waalkes
  • 2006: Hans Traxler
  • 2007: Ernst Kahl
  • 2008: Biermösl Blosn
  • 2009: Helge Schneider
  • 2010: Olli Dittrich
  • 2011: Josef Hader
  • 2012: Franziska Becker
  • 2013: Michael Sowa
  • 2014: Georg Schramm
  • 2015: Rudi Hurzlmeier
  • 2016: Max Goldt
  • 2017: Gerhard Glück

Wohlstandsbäuche im Mittelstandsleben

Lautes Lachen tönte am Sonnabend durch das Alten Rathaus. Zahlreiche Ausstellungsbesucher amüsierten sich hörbar über die Bilder von Gerhard Glück. Der Künstler wurde am Sonntagmorgen mit dem Satirepreis „Göttinger Elch“ ausgezeichnet, am Vorabend wurde seine Ausstellung eröffnet: „Glücks heile Welt“.


Die Räume haben sich geleert. Die Eingangshalle ist fast verwaist. Nur in der ersten Reihe sitzen vier Kinder, jedes daddelt ein Computerspiel. Preisträger Glück, Jahrgang 1944, steht vergnügt vor ihnen, es sind wohl seine Enkel. Sind sie so wie die Kinder in seinen Bildern? „Hoffentlich nicht“, sagt er. Denn Glücks Bilderkinder sind meist ein wenig steif, unter gestrenger Aufsicht – und in der Regel nicht eben kindlich.

Glück arbeitet seit mehr als 25 Jahren für die Neue Zürcher Zeitung, in deren Magazin NZZ-Folio monatlich seine Bilder erscheinen. Doch er male „eigentlich schon immer“, sagt Glück. In der Schule habe er beispielsweise Karikaturen gezeichnet „und auch verkauft“. Der Spaß an der Satire begleitet ihn also schon länger. Wegen seiner Freude am künstlerischen Gestalten habe er zur Konfirmation dann eine Staffelei, kleine Leinwände und Ölfarben geschenkt bekommen und sich das Malen selbst beigebracht. Eine solide Grundlage, auf die er immer zurückgreifen könne, sagt Glück. „Das verlernt man nicht mehr“. Auf dieser Basis schafft er nun malerisch brillante kleine Szenen. Oft setzt er seine Figuren in detailreiche Landschaften die vom Hauch der Jahreszeiten gestreift werden. So lässt er die Brüder Grimm in der Karlsaue in Kassel, seiner Heimatstadt, über das Rotkäppchen nachdenken.

Geöffnet

Die Ausstellung ist bis Sonntag, 26. März, dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Alten Rathaus, Markt 9 in Göttingen zu sehen.

Eines seiner großen Themen ist das Zusammenleben älterer Paare. Er könne sie sitzen sehen, essen sehen, schlafen sehen – es komme immer ein ähnlicher Typus heraus, und der sei ein bisschen verwandt mit ihm selbst. So zitierte Kunstkritiker Rudolf Schmitz den Künstler in seiner Rede zur Eröffnung. Später verrät Glück noch, dass er viele Szenen bei seinen Eltern abgeschaut hat.

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Der Kunstkritiker Rudolf Schmitz (l.) im Gespräch mit Gerhard Glück (2. v. l.).

Ein wenig durchweht diese Bilder also die Aura der 50er-Jahre. Schmitz nennt das „herrliche Stille“. Ein bisschen wie aus der Zeit gefallen, erleben die Protagonisten Absurdes: „Sonntags spielt Frau Eichwald das Dornröschen, und ihr Mann muss sie wachküssen.“ Malerisch hochwertig lässt Glück das Geschirr der Queen am Tisch im Park in der Sonne spiegeln, während die Königin einen Gartenzwerg entdeckt, wo es keinen geben sollte. Glücks Männer tragen Wohlstandsbäuche durch ihr Mittelstandsleben, das Resthaar akurat über den breiten Scheitel gelegt. An ihrer Seite leben Frauen, die ihren Träumen nachhängen. Oder sie interessieren sich für Kunst, ein weiteres großes Thema Glücks. Wir sehen von hinten auf eine Frauengruppe, unterwegs zu irgendeinem Kulturevent. Jede der Teilnehmerinnen trägt einen kleinen Rucksack auf ihrem Rücken. „Hoffentlich sehe ich nicht so aus“, entfährt es einer Ausstellungsbesucherin bei diesem Anblick. Sie trägt einen kleinen Rucksack auf ihrem Rücken.
Glück ist ein bemerkenswerter Beobachter, ein Schelm mit leisem Humor. Er ist ein ausgezeichneter Maler, der sein Handwerk großartig beherrscht. Laudator Schmitz schließlich bescheinigte Glück eine „Liebe zu den Lebensleistungen der normal Verklemmten“. Ganz genau. pek

„Neue Frankfurter Ode“

für Gerhard Glück  („funktioniert nur im hessischen Dialekt“) von Pitt Knorr

O de Elchpreisträger dieses Jahr
Gerhard Glück! Wie wunderbar!
O de Meister aller Klassen
mer wolle hoch ihn leben lasse
Loben, lieben und verehren
Un den Ruhm als noch vermehren.
Ich trau mich net, noch mehr zu sagen
Wollt aber korz des eine fragen:
„Ein Elch for de Glück
Ein Glück for de Elch!“
Geht er dann nie vorbei de Kelch,
Hat mer den auch manchmal satt?
Mer wagt sich's ja kaum vorzustelle:
Ein Leben in der Wortspielhölle.
Ja hätte der Mann jetzt „Pech“ geheiße
wär das natürlich eine... nicht so günstische Ausgangsposition gewesen
Doch: was er ererbt von seinen Alten,
das muss er dann halt beibehalten.
Und dabei wär auch das geklärt Der Name hat sich voll bewährt
Der Mann steht ja in aller Gunst Ausschließlich wegen seiner Kunst.
Oh, de Glückspilz (da schon widder) sondergleichen
Wer kann dann dem des Wasser reichen!
Es ist heut alles schon gesacht, was ihn so äußerst wertvoll macht.
O de Odeschluss ist nah
Ach was, er ist grad ebe da.
Und deshalb laß mer'n alle raus: Für'n Gerhard unsern Schlußapplaus!

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