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Schlawiner Kapitalismus und kalbender Gletscher

„Das Ende der Beschwerde“ Schlawiner Kapitalismus und kalbender Gletscher

In Köln soll Peter Licht leben, heißt es. Ob das stimmt? Wer kann das schon sagen. Biographisches gibt der Musiker und Autor nicht preis. Selbst Bilder, die sein Gesicht zeigen, existieren nicht. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Warum? Keine Ahnung.

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Philosophischer Luftikuss: Peter Licht schwebt über der Welt.

Quelle: EF

Göttingen. Jeder kann ihn sehen bei seinen Konzerten, auch am Sonnabend im sehr gut besuchten  Deutschen Theater (DT) Göttingen.

Mittelblond, leicht schütteres Haupthaar, Schlaukopf-Brille, T-Shirt, Hose, Schuhe: ein Typ von der Stange, nur netter. „Das Ende der Beschwerde“ heißt seine aktuelle CD wie auch die Tour. An diesem Abend begleitet ihn ein Musiker mit allerlei Instrumenten.

Eigentlich besteht Licht weitgehend aus Widersprüchen. Er macht Musik, obwohl er ein höchstens mittelmäßiger Gitarrist ist. Sein Tontreff-Zielwasser ist knapp bemessen. Auf der Bühne bewegt er sich rein ästhetisch in einer Liga mit Herbert Grönemeyer, macht aber viel mehr Spaß als der Bochumer Mann. Seine Liedtexte beschränken sich häufig auf wenige Zeilen, die er sessionartig wiederholt. Und das soll unterhaltsam sein? Allerdings. In höchstem Maße.

Denn Licht braucht nur wenige Worte, um den Kern freizulegen. Er skelettiert Welt, und man fragt sich, warum man nicht selbst schon längst drauf gekommen ist.

Im DT spielte Licht einen bunten Mix aus alten und neuen Stücken. Eines der älteren Lieder wirkt programmatisch. „Jetzt ist er endlich vorbei, der Kapitalismus. Der Schlawiner hat uns lange genug auf der Tasche gelegen.“ Licht lebt gerne in der Welt, doch manches stört einfach. Das mit der Zahnpasta beispielsweise, das Licht in einem gelesenen Text erklärt. Erstkauf ist in Ordnung, das klärt das Verhältnis zum Leben. Doch wenn die Tube leer ist, folgt nur noch Wieder- und Wieder- und Wiederbeschaffung. Und die ist nicht gut. Erscheint simpel, ist aber wahr.

Lichts literarische Texte klingen ebenso wie die der Lieder oft nach Grübeln – vom Hölzchen aufs Stöckchen, das Ziel ist nicht immer klar, aber er kommt doch an beim Protest, den er mit eigenwilligem Humor formuliert. Dabei gebraucht er Wörter, die niemand sonst in Songtexten verarbeiten würde. Kausalkette beispielsweise oder Altersvorsorgeaufwendungen. Doch Licht bändigt die Ungetüme, verleiht ihnen poetischen Sinn – sogar der Zeile „… da, wo der Gletscher kalbt“.

Und manchmal spielen ihm seine Texte auch Streiche. Das vertrackte Trennungslied beispielsweise, in dem er Namen an Namen von Menschen reiht, die einander verlassen. Oder sich selbst, wenn kein anderer da ist. Mittendrin hat Licht dann den Text vergessen. Ein Gau? Nicht für Licht. Der steht schmunzeln und grübelnd auf der Bühne und hat Spaß dabei.

Das Publikum freut sich mit ihm an der Widerborstigkeit des Liedes. Und als Licht dann auch noch Gassenhauer wie seinen Hit „Sonnendeck“ und „Die transsylvanische Verwandte“ bringt, macht sich große Zufriedenheit im Saal breit.

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