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Schlechthin atemberaubend

Mandelring Quartett Schlechthin atemberaubend

Unglaublich, was für eine Fundgrube die Musikgeschichte sein kann.

Im Aulakonzert der Göttinger Kammermusikgesellschaft waren am Sonntag zwei Streichquartette zu hören, die sonst so gut wie nie auf Konzertprogrammen stehen, ein Jugendwerk des damals 16-jährigen Richard Strauss und ein Quartett des heute fast vergessenen Heinrich Kaminski aus der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

Teenager Strauss kannte sich gut aus in dieser Musikgeschichte, keine Frage. Seinem A-Dur-Quartett ist anzuhören, was er damals alles schon in sich aufgesogen hatte – das reicht von Haydn über Mozart bis Mendelssohn, deren Sprache er sich mit jugendlicher Ungeniertheit bedient, ohne aber schamlos zu kopieren.

Den mitreißenden Schwung dieser Musik hätte man wohl kaum derart verspürt, wenn es nicht das Mandelring Quartett gewesen wäre, das den jungen Strauss unter seine Fittiche genommen hatte. Hier blühte das musikalische Leben in den frischesten Farben, die Dramaturgie stimmte bis in die kleinsten Nuancen, Leichtigkeit und Präzision waren gleichermaßen garantiert.

Das sind die besten Voraussetzungen, auch ein eher sperriges, stellenweise eigenwillig-trotziges Werk wie das Quartett von Kaminski zum Leben zu erwecken. Faszinierend klang diese Fin-de-siècle-Musik, hier meditativ, dort mit kraftvoll verqueren Gesten aufbegehrend.
Die Krone aber gebührt Beethoven. Sein e-Moll-Quartett op. 59 Nr. 2 stand am Schluss dieses begeisternden Abends – in einer musikalisch wie technisch schlechthin atemberaubenden Interpretation. Das Quartett – die Geschwister Sebastian, Nanette und Bernhard Schmidt sowie Roland Glassl – musiziert so, als sei es ein einziges Instrument, auf dem sie spielen. Sie atmen, fühlen, singen, stürmen und streben gemeinsam. Die Formulierung „wie aus einem Guss“ ist viel zu armselig, dieses Erlebnis zu beschreiben.

Tosender Applaus, selbst Professorenfüße trampelten am Schluss vor Begeisterung. Zugabe: die hinreißend witzige Polka aus der Ballettsuite „Das goldene Zeitalter“ op. 22a von Dmitri Schostakowitsch.

Von Michael Schäfer

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