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„Schönheit aller Art im Überfluss“

Händel-Oper „Julius Caesar“ „Schönheit aller Art im Überfluss“

Unter den 42 Opern Händels ist „Julius Caesar“ die populärste. Nach einer Statistik des Jahres 2006 entfielen von weltweit erfassten 2061 Inszenierungen Händelscher Werke 15 Prozent auf „Giulio Cesare in Egitto“, wie die Oper im Originaltitel heißt. Nun hat auch das Staatstheater Kassel den „Caesar“ für sich entdeckt – in einer optisch wie musikalisch sehr eindrucksvollen Inszenierung.

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Zwischen Kuh und Dalmatiner angesiedelt: Kleopatra (Nina Bernsteiner) mit ihren gepunkteten Ägyptern.

Quelle: Klinger

Die Bühne (Werner Hutterli) ist kahl. Beherrscht wird sie von neun dunkelgrauen hohen Quadern auf Rollen, die eine variable Raumgestaltung ermöglichen. Auch in Sachen Kostüme geht es in keiner Weise um Historisierung: Die Römer kleidet Anna Ardelius in Stoffe mit Baum-Muster, die Ägypter sind gepunktet – sehr schmuck irgendwo zwischen Kuh und Dalmatiner angesiedelt. Und alles in Schwarz-Weiß, bis auf die Titelfigur. Caesar trägt ein goldfarbenes imperiales Kostüm, dessen Struktur dem Stamm einer (Sieges-)Palme nachempfunden ist.

Auch das Orchester übt sich nicht in historischer Aufführungspraxis. Doch begeht Dirigent Alexander Hannemann nicht etwa den Fehler, Händels Musik romantisierend aufzuladen. Er lässt seine Musiker die transparente, leichte barocke Spielweise auf modernen Instrumenten nachempfinden, was zu einem angenehm aufgelichteten Klang führt. Nur könnte die Musik mehr Biss, mehr federnde Spannkraft besitzen – bisweilen klingt sie so vorsichtig und verhalten, als habe der Dirigent Angst, Meißner Porzellan zu zerbrechen.

Dem mangelnden Biss auf dem instrumentalen Sektor entspricht in der Inszenierung des Regisseurs Dominique Mentha auch eine etwas undramatische Personenführung. Gewiss kann man von der affektorientierten Barockoper nicht Handlungstheater erwarten. Aber etwas mehr Spannung in der Konstellation der handelnden Personen würde angesichts der gut dreistündigen Spieldauer schon gut tun.

Doch das ist nicht unbedingt am wichtigsten in einer Händel-Oper: Hier hat eindeutig die Musik den Vorrang. Und was hier die Protagonisten leisten, ist unbedingt hörenswert. Inna Kalinina in der Titelrolle ist mit ihrem koloraturenstarken, traumhaft sicher geführten Alt bravourös, sie steigerte sich bei der Premiere sogar noch von Akt zu Akt. An Bühnenpräsenz kam ihr Nina Bernsteiner in der Rolle der Kleopatra mindestens gleich – und nicht minder an vokaler Souveränität mit ihrem sehr flexiblen, höhenstarken Sopran. Mit ihrem blitzenden Charme vermag sie nicht nur römische Feldherren, sondern auch Kasseler Zuschauer im Nu zu erobern. Und auch die beiden weiteren Frauen im Ensemble halten dieses Niveau: Die Mezzosopranistin Stefanie Schaefer als Cornelia mit anrührend weichem Timbre und die Sopranistin Maren Engelhardt als Sextus. Gemeinsam bezaubern sie mit ihrem Duett „Son nata a lagrimar“ das Publikum nachhaltig.

Unter den männlichen Solisten verblüffte der aus Mazedonien stammende Bassist Igor Durlovski in der Rolle des Tolomeus: Das ist nämlich eine Altus-Partie, die der Bassist perfekt beherrscht und sie in seiner großen Wut-Arie sogar mit Tönen aus seinem Haupt-Stimmfach würzt. Die übrigen drei Herren – Jürgen Appel als Curius, Geani Brad als Achillas und János Ocsovai als Nirenus – fügen sich stimmig in das Ensemble ein. Das Premierenpublikum feierte vor allem die Solisten mit begeistertem Applaus. Sie hatten bewiesen, was Händels Zeitgenosse Charles Burney gesagt hat: „Julius Caesar“ sei „eine Oper, die Schönheit aller Art im Überfluss bietet“.
Weitere Vorstellungen in der Staatsoper Kassel, Friedrichsplatz: 16., 19., 27., 30. März, 8., 16., 24. April, 10. Mai. Kartentelefon 05 61 / 10 94-222.

Von Michael Schäfer

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