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Schwebende Watte-Wörter keine Augenwischerei

„Kunst und Dialog" Schwebende Watte-Wörter keine Augenwischerei

Watte-Wolken schweben unter dem Himmel des Weißen Saals im Künstlerhaus an der Gotmarstraße in Göttingen. Beinah unsichtbare Fäden lassen sich von der Decke hängen, um die schwerelos anmutenden mit Wollfasern umwickelten Drahtworte mitten im Raum stehen zu lassen.

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An beinahe unsichtbaren Fäden aufgehangen: Die Wollinstallation im Weißen Saal des Künstlerhauses.

Quelle: Heller

„Wattiert – Ein euphemistischer Dialog“ hat Ute Gruenwald ihre Installation genannt. Dieses Werk ist das erste von weiteren zwölf, die bis zum 17. Oktober in täglichem Wechsel jeweils von 11 bis 18 Uhr unter dem Titel „Kunst und Dialog“ vom Bund Bildender Künstler Südniedersachsen vorgestellt werden.

Sind die Eingangsstufen zum Ausstellungssaal erklommen, erscheinen die Watte-Wörter sofort und auf Augenhöhe. Sie suchen den Dialog mit dem Betrachter nicht, sie haben ihn schon begonnen. Die Neugier auf den Inhalt dieser Signifikanten zieht an. Ein perfekter Einstieg in den Gegenstand der Kommunikation. Was gesagt wird, was gesagt werden soll und was gehört wird, was gehört werden will – das sind die Komponenten, welche dieses aus der Linguistik nur allzu bekannte Thema bedingen. Aber Gruenwalds Worte gehören nicht in die Kategorie der Sprachwissenschaft, sondern formen den künstlerischen Widerspruch. Der Tod in weiße weiche Watte eingepackt? Es sind Worte, die ängstigen, die in der Politik oder in den Medien gemieden werden, weil sie stören. Weil sie unpassend sind.

Aktuell und spannend präsentiert sich der Beitrag der gebürtigen Berlinerin. Vielleicht weniger in seiner äußeren Form, aber umso mehr in seiner inneren, folgt man den Gedanken der Künstlerin. „Diese Arbeit ist nicht raumbezogen, wie meine früheren Installationen, sondern kommt aus der Situation heraus“, klärt Gruenwald auf. Der Beobachter soll im Geiste das Eingepackte auspacken, soll die Verbände lösen, eventuelle Wunden freilegen, er soll nachsehen, ob das Wort unter seiner Verhüllung noch gesund ist. Die Kunstschaffende hat viele Wörter gefunden, die einen euphemistischen Bruder bekommen haben. Die hässliche Lüge trägt den Deckmantel der „kreativen Antwort“. Das Altersheim ist kein ungeliebter Ort, sondern „Seniorenwohnsitz“. Es heißt nicht Tod, sondern „der Mensch ist entschlafen“. Arme werden zu „Hartz IV- Empfängern“.

Besonders die Berichterstattung in den Medien zum Thema Afghanistan hat Gruenwald beschäftigt, das Wort Krieg habe sie dort selten bis gar nicht hören können: „Man war im Krieg und wusste es gar nicht, weil man das Wort gemieden hat. Das ist sehr politisch.“ Unwillkürlich drängt sich die Frage auf, ob denn nun alle Beschönigungen Augenwischerei und negativ besetzt seien.
Die Watte-Werkerin weiß aus ihrer Zeit in Amerika, dass dem nicht so ist: „Dort sind die Menschen ganz anders als in Deutschland. Das hat nichts mit Heuchelei zu tun, sie stützen sich einfach viel mehr auf das Positive.“

Von Anna Kleimann

  Kunst und Dialog – Das Programm
  „Wattiert“ ist das erste von 13 Werken, das im täglichen Wechsel im Weißen Saal des Künstlerhauses, Gotmarstraße 1 in Göttingen, vorgestellt wird. Dabei wollen die Künster zum Thema „Kunst und Dialog“ den direkten Kontakt mit dem Publikum aufnehmen.
Das Programm:
•  7. Oktober: Heidi Hogel mit „Kunst-Wünsche-Baum“
•  8. Oktober: Renate Bethmann mit „Letter“
•  9. Oktober: Charlotte Geister mit „Er sucht sie – sie sucht ihn“
•  10. Oktober: Renate Kiefer mit „Energiespender“
•  11. Oktober: Gregory Seán Sheehan mit „Anfang und Ende...“
•  12. Oktober: Marcos Durand mit „Klecks-Punkt-Komma-Strich“
•  13. Oktober: Georg Hoppenstedt mit „Knüppeldamm“
•  14. Oktober: Dörthe Gerken mit „Kommunizierende Räume“
•  15. Oktober: Christel Irmscher mit „Dia-Log“
•  16. Oktober: Lilly Stehling mit „Pflaster“.
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