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Sechs Stiefkinder Irlands aus Erlangen

„Fiddler’s Green“ in der Musa Göttingen Sechs Stiefkinder Irlands aus Erlangen

Zu einem schwitzigen, bierseligen und rustikalen Folk-Rock-Konzert nach irischer Tradition gehören eigentlich ein ordentliches Glas Guinness, zahlreiche wachstriefende Kerzen, ein Schild, das anzeigt, wie viele Kilometer man bis nach Dublin zurücklegen müsste, wenn man dort hin wollte, und vor allem die schummrig-schöne, gesellige Atmosphäre eines echten Irish Pubs. All das gab es bei dem Konzert von „Fiddler’s Green“ in der Göttinger Musa nicht. Die rund 300 Gäste waren trotzdem restlos begeistert.

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Freudig und ausgelassen: „Fiddler’s Green“ in der Göttinger Musa.

Quelle: Vetter

Das Sextett ist sehr pünktlich. Typisch deutsch eben. Die Combo, die sich Irish Speedfolk auf die Fahnen geschrieben hat, ist nämlich nicht etwa angetreten, um das Kulturgut der grünen Insel zu exportieren, sondern stammt größtenteils aus dem erholsamen Erlangen und hat dort fern von kleeblattbewachsenen Hügeln die traditionelle Musik aus Europas fernem Westen adaptiert.

Neben der unerlässlichen und ausführlichen Hommage an das volkstümliche Liedgut (Irish Rover, Cripple Creek, Blarney Roses) beweisen die sechs Franken auf ihrer „Acoustic Pub Crawl Tour“ auch mit eigenen Songs, dass sie nicht nur die Interpretation, sondern auch den Transfer beherrschen.

In „No more pawn“ besingen sie ironisch die wahre Liebe, „All these feelings“ dient als gebrochen-romantischer Puffer zwischen den wilden Pogo-Einlagen, das aus einem einzigen Satz bestehende „You drive me mad“ entfesselt die nicht-elektronischen Instrumente, und mit „Bugger off“ verpassen „Fiddler’s Green“ ihren Fans eine verbale Ohrfeige, die diese freudig-ausgelassen und mit erhobenem Mittelfinger parieren. Alles nur Spaß und alles ein Teil der Show natürlich.

Show können die Erlangener mit zwei Jahrzehnten Bühnenerfahrung und nicht unerheblicher Anhängerschar nämlich gut. Das Programm ist ordentlich getimed und wohltemperiert. Um die karge Bühnenoptik zu optimieren, haben die nach dem Paradies irischer Seefahrer benannten Musiker einen riesigen illuminierten Vorhang mit Kneipenoptik hinter sich aufgehängt.

Zum Entertainment gehört das Leeren einer Bierflasche auf ex durch einen trinkfreudigen Bühnengast aus dem Publikum, woraufhin der hohle Glaskörper anschließend von Drummer Frank Jooss bespielt wird, und die energiegeladenen Ansagen mit Akzent von Frontmann Ralf „Albi“ Albers und Co-Moderator Pat Prziwara, die im musikalischen Kontext doch etwas kontrastierend wirken, sowie beispielsweise der Einsatz von bunten Klangstäben.

Ob es nun Albers ist, der „mit simpler Demagogik den Saal zum Kochen bringen“ will, oder doch einfach nur der schnelle, laute und handgemachte Folksound für den Jung und Alt sogar von jenseits der Landkreisgrenzen angereist sind, die sechs Stiefkinder Irlands grölen sich die Seele aus dem Leib und treffen einen Nerv.

Sie werden des Instrumente-Tausches nicht müde und bringen Waschbrett, Mandoline, Harmonika, Xylophon und sogar Maultrommel zum Klingen. Die Instrumentierung ist äußerst farbenfroh und wird außerdem von Kontrabass, Akkordeon, Gitarren und obligatorischer Fiedel ergänzt.

So wird das fast exakt zweistündige Programm mit satten sechs Zugaben zu einem Rundum-Sorglos-Paket. Und in diesem Fall gilt wie es scheint: Der Berg kommt zum Propheten, wie der Pub zur Musik.

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