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Sicherheitsventil der menschlichen Wahrnehmung

Tageblatt-Interview mit Dietmar Wischmeyer Sicherheitsventil der menschlichen Wahrnehmung

Mit der Satiresendung „Frühstyxradio“ ist Dietmar Wisch­meyer Ende der 80er Jahre bekannt geworden. Heute zählt er zu den renommiertesten Satirikern Deutschlands. Am Montag, 16. November, kommt er ins Sterntheater Göttingen. Erik Westermann hat mit sich ihm über die Anfänge, den Elchpreis und die deutsche Sprache unterhalten.

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Bei einer Affentaufe: Wischmeyer als „der kleine Tierfreund“.

Quelle: EF

Was steckt hinter Ihrem neuen Programm mit dem etwas nebulösen Titel „Schwarzweiß“?
Meistens macht man sich über die unsinnigsten Teile eines Programms – Titel und Plakat – am meisten Gedanken, obwohl das eigentlich keine Sau interessiert. Ich dachte, ich nehme den Namen Schwarzweiß, denn das, was ich an dem Abend entwerfe, ist ein Schwarzweiß-Gemälde. Es gibt nur die Guten oder die Bösen, dazwischen nichts. So passt der Titel auf fast alles, was dort zur Sprache kommt.

Sie haben vor einigen Jahren die Laudatio für den Göttinger Elch gehalten, damals vergeben an Emil Steinberger. Haben Sie denn selber schon einmal auf den Preis geschielt?
So gerne ich die 99 Dosen Elchsuppe auch hätte – das langt ja schon eine ganze Zeit lang. Wenn ich mir die Reihe der Preisträger anschaue, bin ich eigentlich froh, dass ich ihn noch nicht bekommen habe. Das geht das ja eher in Richtung Lebenswerk, die waren fast alle über 60.

Ihre Bücher, wie „Land der Bekloppten und Bescheuerten“, verbreiten eine eher misanthropische Sicht der Welt. Inwieweit steckt dahinter der Mensch Dietmar Wischmeyer?
Misanthropie ist erst einmal ein Zeichen von Intelligenz (lacht). Wer einfach nur so fröhlich und gut gelaunt ist, dem entgeht vieles. Ich bin eigentlich ein positiver Mensch, zumindest in den kleinen Dingen. Neulich zum Beispiel war ein schöner Tag: Wir haben einen Ausflug gemacht. Unterwegs sind wir auf eine Imbissbude getroffen, die am Sonntagnachmittag tatsächlich geöffnet hatte und Koteletts servierte. Das gibt es heute kaum noch in Deutschland (kichert).

Das war mir gar nicht so klar.
Ja, das Kotelett stirbt aus. Das sind die Dinge, die einem erst auffallen, wenn sie über Jahre hinweg fast verschwunden sind. An solchen Dingen kann ich mich erfreuen. An allem anderen weniger (lacht). Das ist jetzt nicht an Kotelett und Sonnenschein gebunden, aber so gänzlich sinnlos in die Welt laufen, während man die Entwicklungen um die Regierungskoalition anguckt oder dass wir den doofen Impfstoff mit Kotzreiz und Hautabschürfungen kriegen, während sich die Regierung den Premiumstoff in den Bregen haut, das macht einen nicht fröhlich, finde ich.

Rühren aus solchen Dinge wie der Kotelett-Episode die Ideen für Ihr Programm?
So etwas benutze ich immer. In diesem Job wird das Leben zu einem riesigen Bergbaubetrieb, den man ausbeutet. Alles, was einem begegnet, wird daraufhin abgeklopft, ob man nicht etwas damit machen kann. Das führt dazu, dass man einen anderen Blick auf die Welt bekommt. Es fallen einem Dinge auf, wie beispielsweise, dass fast alle Rentner im Sommer in beigefarbener Anglerweste herumlaufen.

In Ihren Tiraden ziehen Sie oft in gnadenlos überspitzter Form über alle möglichen Gruppen her: Ossis, Wessis, Holländer, Engländer. Machen Sie das, weil das Lachen über diese Klischees eine befreiende Wirkung hat?
Also erst einmal sind das alles Nationen, über die man lachen darf. Man darf über Japaner und Holländer alles Schlimme sagen. Das ist kein Problem, da sie uns von unserem Gefühl her ebenbürtig sind, was ja eine Form von Rassismus oder Ethnozentrismus ist. Aber beim Namibier beispielsweise wird es schon schwieriger. Den behandeln wir wie ein kleines Kind, den darf man nicht belästern. Das ist dieser unterschwellige Schonrassismus, der da mitschwingt. Dann versuche ich, für die alten Klischees neue Formulierungen zu finden und noch eins drauf zu setzen. Natürlich haben die Engländer nicht wirklich Geschlechtsverkehr mit einer Ziege gehabt – nehme ich an. In der Überspitzung liegt eine Relativierung. Das ist so absurd, das kann ja gar nicht wahr sein. Das ist netter, als wenn man die Wahrheit sagt. Die ist oft ziemlich brutal.

Sie haben langjährige Fans, Leute, die Ihnen seit den frühen Frühstyxradio-Zeiten die Treue halten. Ob alle immer auch verstehen, dass das ironisch-überspitzte Klischees sind?
Keine Ahnung. Ich kann mir auch vorstellen, dass manche das komplett anders verstehen. Aber sind die vier Evangelien-Schreiber dafür verantwortlich, dass die Kirche die Inquisition eingeführt hat?

Auf der anderen Seite treten Sie dem deutschen Kleinbürger ja auch gerne kräftig auf die Füße.
Ich bin ja selber ein Kleinbürger wie viele meiner Fans. Das ist auch Eigenkritik. Man nimmt immer nur Dinge aus der eigenen Schicht wahr, Dinge die den Nachbarn betreffen. Wenn ich etwas Schlimmes über Maurer sage, dann können sich das 250 Maurer anhören, ohne mit der Wimper zu zucken, weil sie denken: Ja, so einen Maurer kenne ich auch. Sie verbinden das aber gar nicht mit sich selbst. Das ist ein Sicherheitsventil der menschlichen Wahrnehmung.

Viele hingegen schauen auf Ihre Arbeit als pubertären Fäkalhumor herab.
Das finde ich sehr positiv. So lange man diese Sicherheit noch hat, dass man von den ganzen Arschgeigen des Kulturbetriebs noch als 14-Jähriger wahrgenommen wird, der „Ficken“ an die Bushaltestelle sprüht und sich darüber tagelang kaputt lacht, hat man seine Ruhe. Man wird nicht vereinnahmt. Ich kann über bestimmte Dinge immer lachen. Vor kurzem war ich in der Versuchsanlage des Transrapids. Da gibt es einen großen Aussichtsturm, an den hatte jemand in riesigen Lettern „Penis“ gesprüht, bestimmt acht Meter lang und 1,50 Meter hoch. Das war sehr sauber gemacht, der hat da bestimmt eine Stunde dran gesessen. Das fand ich sehr witzig. Ich meine: Was soll das? Das ist ja nicht einmal versaut. Das ist gelebte Anarchie (lacht).

Nutzt sich diese Art von Realsatire – Sie machen das schon seit über 20 Jahren – nicht auch ab?
Die Ereignisse kommen auf einen zu, da muss man keine Angst haben. Doch die Art und Weise wie man sie verarbeitet, fällt irgendwann aus der Zeit. Diese Phase zwischen „altmodisch“ und „zum Klassiker werden“ muss man durchstehen. Wie Otto. Seine Witzchen sind Mittelstufe-70er-Jahre-Gaga-Gaga. Doch weil das zum kulturellen Bestandteil der Bundesrepublik geworden ist, hat es sich selbst so weit überlebt, dass es schon wieder geht. Andere haben es schwerer. So jemand wie Mario Barth hat eine ganz lange Latenzperiode, bis daraus mal ein Klassiker wird. Ich befürchte, das wird nichts.

Wie sehen Sie denn die aktuelle Comedy-Szene?
Jeder geht auf Tour, weil man sonst kein Geld mehr verdienen kann. Sogar Waldi Hartmann, der Weizenbier auf der Bühne säuft. Es ist ein wahnsinniges Überangebot. Ich kenne fast keinen mehr von den aktuellen Preisträgern. Ich will es aber auch gar nicht wissen, weil mich das nicht amüsiert. Da sind bestimmt viele gute Leute dabei. Aber ich brauche die Realität als Stoff, nicht die Witze anderer Menschen.

Sie setzen sich für den Verein zur Erhaltung der deutschen Sprache ein. Das passt auf den ersten Blick gar nicht zu Ihrem eher anarchischen Humor.
Der Vorsitzende des Vereins wohnt im Nachbarort, wir sind gut bekannt. Außerdem halte ich das Ziel des Vereins für richtig, wenn auch vergeblich. Die 80 Millionen nativen Sprecher sind auch Vollidioten, die ihre Sprache für einen Pfifferling preisgeben. Gerade habe ich gehört, dass sich die privaten Postdienste zur „Mail Alliance“ zusammengeschlossen haben. Ich kriege das Kotzen. Das ist doch alles furchtbar (lacht). Alte Leute kommen da doch gar nicht mehr mit, die haben schon bei McDonald’s Probleme. Natürlich ist Sprache ein lebendes Objekt, aber das Ausmaß der Veränderung hat eine neue Qualität.

  • Für den Auftritt Dietmar Wischmeyers im Göttinger Sterntheater, Sternstraße, gibt es Karten beim GT-Ticketservice, Jüdenstraße 13c.
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„Schwarzweiß“-Tour

Das Lachen der Dame im Bereich der zehnten Reihe ziemlich weit außen klingt kehlig. So lacht jemand, der sich amüsieren will. War ja auch noch gar nicht richtig witzig, was Dietmar Wischmeyer gerade vom Stapel gelassen hat. Der Meister der bösen Glosse wird aber bald darauf richtig warmlaufen an diesem Montagabend auf der Bühne im gut besuchten Sterntheater.

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