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„Songs for Kommeno“ erinnern an Kriegsschuld

Jazzdrummer Günter Sommer „Songs for Kommeno“ erinnern an Kriegsschuld

„Musik drückt das aus, was mit Worten nicht mehr gesagt werden kann“, sagt der Dresdner Jazzdrummer und Percussionist Günter „Baby“ Sommer, bevor er und seine Kollegen zu ihren Instrumenten greifen. Kurz darauf folgt in 70 intensiven Minuten der Beweis, dass dieser Satz längst nicht so abgegriffen ist, wie er klingt.

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Interpretiert Geschichte trommelnd: Günter „Baby“ Sommer.

Quelle: Rytz

Hardegsen. Sommer gab im Muthaussaal der Burg Hardeg ein erinnerungswürdiges Konzert, das Politik, Geschichte und Musik auf einen gemeinsamen Nenner brachte.

Am 16. März 1943 stürmten Gebirgsjäger der Wehrmacht ein griechisches Dorf, das den Namen Kommeno trägt. Angeblich sollten dort „Banditen“ gegen die Besatzer operieren: Ein Massaker an hunderten Unschuldigen wurde damit in späteren Berichten zu einem unausweichlichen Präventivschlag stilisiert. Eine spottende Beschreibung, die auf unzählige griechische Dörfer zutraf. Sommer kam mit diesem heute oft vergessenen Kapitel deutscher Kriegsschuld in Kontakt, als er der Einladung eines griechischen Freundes folgend auf einem Percussion-Festival in Kommeno auftrat. Respekt gebührt ihm, weil er die anfänglich von ihm empfundene Ohnmacht und Scham in ein eindrucksvolles Stück Musik verkehrt hat, mit dem er nun an vielen Fronten gegen das Vergessen kämpft.

Marschtrommeln und Schreie

Sommers „Songs for Kommeno“ besteht aus fünf Teilen, die klanglich ungeheuer dicht an das zu verarbeitende Geschehen gerückt wurden: Marschtrommeln sind zu hören und Schreie ertönen, die Evgenios Voulgaris auf der Yayli Tanbur, einer türkischen Laute, mit erschütternder Direktheit erzeugt. Savina Yannatou imponiert mit vokalem Einfallsreichtum, der sich mal singend, mal klagend oder murmelnd manifestiert. Floros Floridis’ Klarinetten ergänzen ihre Stimme reizvoll, während Spilos Kastanis am Kontrabass ostinate Figuren erklingen lässt. Sommers Komposition, die im Dialog mit diesen griechischen Kollegen entstanden ist, funktioniert aufgrund der geschmackvollen Zusammenführung von Orient und Okzident zu einem einzigen Klangkosmos, dessen harmonische und motivische Klarheit immer wieder auf unterschiedlichste Arten zerrissen wird.

Stille nach seinen Ausführungen

Die Organisatoren der Kulturinitiative Hardegsen stellten dem Konzert einen Vortrag des Bremer Rechtshistorikers  Christoph Schminck-Gustavus voran, der in aller Eindrücklichkeit über den Verlauf der deutschen Besatzung Griechenlands informierte. Schminck-Gustavus informierte sachlich, stellte seine eigenen Emotionen aber nicht zurück. Die ungläubige Stille nach seinen Ausführungen zeugte von der Wunde, die wenig beachtete Verbrechen auch nach vielen Jahren noch zu erzeugen vermögen. Sommer maßt sich mit seinen „Songs for Kommeno“ nicht an, diese schließen zu können – dennoch bietet sein musikalisches Engagement Gelegenheit, das deutsch-griechische Verhältnis gerade in Zeiten des in der Wirtschaftskrise auf beiden Seiten aufflammenden Rechtspopulismus neu zu bewerten.

Von Jonas Rohde

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