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Spezialist für feinste Klangfarbennuancen

Lucia die Lammermoor Spezialist für feinste Klangfarbennuancen

Liebe und Tod sind Standardthemen in der romantischen Oper. Wenn aber eine verzweifelt Liebende wahnsinnig wird, ist dies eine ganz besondere Herausforderung für die Darstellerin einer solchen Partie. Die hat Nicole Chevalier in Kassel glänzend bestanden: in Donizettis Oper „Lucia di Lammermoor“.

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Stimmliche Bravourakte: N. Chevalier als Lucia di Lammermoor mit D. Ballard (Raimondo).

Quelle: Ketz

Eigentlich ist es ein Schauerroman, der dem Libretto von „Lucia di Lammermoor“ zugrunde liegt, das Buch „The Bride of Lammermoor“ von Walter Scott aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts. Das Szenario: ein Familienkonflikt à la „Romeo und Julia“, in dem eine tragische Liebe keine Erfüllung finden kann. Lucia, Braut eines anderen, wird zwangsverheiratet, ersticht den ungeliebten Bräutigam und stirbt blutbefleckt, nachdem sich ihr Geist aus der Realität verabschiedet hat.

Doch Donizettis Musik bleibt bei aller mentalen Verirrung der Titelheldin ganz dem Belcanto verpflichtet. Das macht den besonderen Reiz dieser Oper aus: Denn es gelingt dem Komponisten dennoch, mit hochästhetischen, wundervollen Melodien psychologisch dem Sujet gerecht zu werden.

Das hat Dirigent Marco Comin in Kassel sehr genau verstanden. Er erweist sich als Spezialist für feinste Klangfarbennuancen, kostet die verführerisch raffinierte Instrumentierung aus und lässt den Sängern viel Raum für ihre Kehlartistik.

Diese Möglichkeiten darf vor allem Nicole Chevalier in der Titelrolle nutzen. Was diese Sopranistin in der zentralen Wahnsinnsszene an stimmlichen Bravourakten vorführt, ist atemberaubend, ein weites Spektrum an Klangfarben, eine mühelose Beherrschung auch der höchsten Lagen, ein zartes Pianissimo ebenso wie ein kraftvolles Forte, und all dies nirgends mit der eitlen Attitüde der Virtuosin, sondern immer im Dienst der Rollendarstellung.

In der Rolle des Geliebten

Gegen sie – das liegt an Donizetti, der die Lucia am verschwenderischsten mit vokalen Kunststücken bedacht hat – müssen die übrigen Protagonisten in den Hintergrund treten. Möglicherweise ist Erin Caves in der Rolle des Geliebten Edgardo tatsächlich seiner Partnerin ebenbürtig, doch dies war in der Premiere aufgrund einer Indisposition nicht auszumachen. Geani Brad als Enrico, Johannes An als Arturo und Derrick Ballard als Raimondo boten respektable Leistungen, ebenso in kleineren Partien Ina Kilinina (Alisa) und – mit leichter Einschränkung – Jae-Wan Kim (Normanno). Der Chor (Einstudierung: Marco Zeiser Celesti) hat in dieser Oper vergleichsweise einfache Aufgaben, die er durchaus mit Präzision bewältigte.

Bleibt noch vom Konzept der Regie zu berichten. Sabine Hartmannshenn verlegt die Handlung in die 1950er Jahre. Diesem Konzept folgen das Bühnenbild von Dieter Richter ebenso wie die von Susana Mendoza entworfenen Kostüme. Doch wollen die exaltierten Gefühle, die Donizetti in Musik setzt, mit dem Flair der frühen Nachkriegszeit nicht zusammenpassen – ja nicht einmal eine erkenntnisfördernde Reibung zwischen beiden Welten will sich einstellen. Dass die Regisseurin überdies in der Eingangsszene einen Missbrauch Lucias durch den Priester andeutet, ist ebenfalls nicht sonderlich dazu geeignet, neue Seiten der Interpretation aufzuschlagen. So gab es am Premierenabend lautstarke Bravorufe für Nicole Chevalier, aber einigen Unmut für das Produktionsteam.

Termine: 20., 25. und 28. Juni, 3., 5. und 8. Juli im Opernhaus Kassel. Karten unter Telefon 0561/1094-222.

Von Michael Schäfer

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