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Regional Ein Optimist und Kämpfer
Nachrichten Kultur Regional Ein Optimist und Kämpfer
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16:32 26.04.2017
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Tageblatt: Die Sportfreunde Stiller gibt es inzwischen seit 20 Jahren. Wie hat sich die Chemie der Band im Lauf der Zeit verändert?

Brugger: Sie verändert sich permanent. Am Anfang waren unsere Leben ganz anders, wir haben studiert oder gejobbt und als Highlight hatten wir ein Konzert. Fast alles drehte sich um die Band und das Feiern. Mit der Zeit haben wir Familien gegründet und die privaten Leben wurden größer. Damit stieg auch die Herausforderung, dass wir wieder zusammenfinden. In den Momenten, wo es zwischen uns wirklich scheppert, bin ich am Fluchen, aber mir wird dann schnell wieder klar, was für einen Wert diese Band darstellt. Was für ein Privileg es ist, mit Anfang 40 immer noch so ein Leben führen zu dürfen. Dafür wollen wir danke sagen.

Sie haben Keith Richards und Lemmy Kilmister einen Song gewidmet. Was bedeuten Ihnen diese legendären Musiker?

Keith lebt ja noch, Lemmy hat leider bereits das Zeitliche gesegnet. Diese Role Models stehen dafür, dass man bis ins hohe Alter ein Leben führen kann mit der Musik und mit einer gewissen Haltung. Nämlich mit Würde zu altern und gleichzeitig auf den Putz zu hauen und das Leben zu genießen. Letztendlich ist dieser Song auch eine Auseinandersetzung mit unserem eigenen Älterwerden. Wir sagen inzwischen auch Sätze wie: „Eigentlich ist die Zeit ziemlich schnell vergangen“.

Wie denken Sie über den alten Leitsatz „Sex & Drugs & Rock’n’Roll?

Keith und Lemmy haben es ganz anders krachen lassen als wir. Sie stehen für die Freiheit, die wir heute genießen dürfen. Wenn ich mir vorstelle, Keith Richards wäre mein Opa, dann fände ich das einfach toll. Ich hoffe, auch junge Leute wertschätzen ältere Musiker wie ihn. Ich merke selbst, wie schwierig es ist, sich von gesellschaftlichen Zwängen und Fesseln zu befreien.

Kann Rockmusik heute noch etwas verändern?

Musik spricht so viele Menschen an. Wenn sie verbunden ist mit einer Message oder einer Haltung, die ein Künstler glaubhaft lebt, dann kann sie auf jeden Fall etwas verändern.

Sollte man als Künstler auf aktuelle politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Ereignisse reagieren?

Man muss nicht, aber wenn die Ereignisse einen Einfluss auf das eigene Leben haben, dann fließen sie automatisch mit ein in die Musik. Das ist auf diesem Album passiert: Bei „Viel zu schön“ oder bei „Zwischen den Welten“, das direkt nach den Anschlägen von Paris entstanden ist. Wir haben festgestellt, dass dieser Schlag da draußen bei uns etwas verändert und uns sehr bewegt hat. Gleichzeitig ist aber gerade auch ein großes persönliches Glück da.

Warum werden die verlieren, die „auf Menschen scheißen“?

Also, wir hoffen es stark, dass die irgendwann verlieren. Weil wir letztendlich an das Gute glauben. Wenn wir solche Themen behandeln, gibt es bei uns irgendwann diesen Dreh zum Positiven. Das ist in uns Dreien angelegt. Alles andere wäre bitter und traurig. Ich habe immer die Hoffnung, dass das Gute siegt und die Menschen sich besinnen. Dass uns allen klar wird, dass wir nur diese eine Welt haben und wir es schaffen, hier friedlich zusammen zu leben. Dass Ungerechtigkeiten dringend aus der Welt geschafft werden müssen. Das ist natürlich eine Mammut-Aufgabe, bei der vieles in der Weltordnung umzuwälzen ist, aber wir sollten alle dran arbeiten.

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Wie motivieren Sie sich in schwierigen Situationen?

Brugger: Wenn es bei mir eng wird, versuche ich das anzunehmen. Das bewirkt einen Perspektivwechsel und ich kann aus mir heraustreten und die Situation objektiver beurteilen. Dann gehen bei mir wieder Horizonte auf.

War das auch bei diesem Album der Fall?

Immer, wenn Zweifel aufkommen, frage ich mich, was mir eigentlich wichtig ist. Geht es darum, eine Platte fertig zu machen oder darum, etwas Persönliches mitzuteilen? Was gärt da in mir? Es geht grundsätzlich darum, sich auseinanderzusetzen mit Themen, die wichtig sind. Und darum, sich an den anderen zu reiben.

Hat Kunst eine stärkere Wirkung als Politik?

Auf mich schon. Politik hat für mich, der keinen tiefen Einblick in politische Diskusionen hat, sehr viel mit Macht- und Egogehabe zu tun, gerade in autokratischen Systemen. Mir ist es schleierhaft, wie ein Erdogan oder ein Putin in dieser Welt möglich sind. So was tut mir einfach weh. Musik hat für mich etwas Göttliches, Politik dagegen ist von Menschen gemacht aus Beweggründen, die teilweise nicht gut sind. Ich möchte nicht alle Politiker über einen Kamm scheren, aber um nach oben zu kommen, ist viel Ellbogenmentalität und Anpassung nötig. Dabei geht viel Gutes verloren.

Ist Musik eine höhere Macht?

Ich kann mir selber nicht erklären, wo die Musik herkommt. Irgendwie sind Melodien plötzlich da. Ich weiß nicht, ob die aus mir kommen oder irgendwo rumschwirren.

Der Song „Das Geschenk“ ist eine Hymne auf den Menschen. Wie begründen Sie Ihren Glauben an den Menschen?

Die Gefahr, den Glauben an ihn zu verlieren, ist immer da. Aber wenn ich mir zum Beispiel anschaue, wie jeder Mensch vollkommen und gut auf diese Welt kommt. Was dann mit manchen passiert, ist traurig und daraus resultiert Hass. Aber eigentlich haben wir alle den Wunsch, friedlich miteinander zu leben. Ich habe oft tolle Begegnungen mit Menschen, die mich inspirieren. Ich glaube daran, dass die Guten überwiegen.

Die Sportfreunde Stiller haben gegen Islamkritiker und Rassismus demonstriert. Spornt der Rechtsruck in der Gesellschaft Sie geradezu an, Songs zu schreiben, die das Leben feiern?

Nicht als direkte Reaktion. Unsere Songs entstehen eher aus einem Gefühl der Euphorie heraus. Wenn ich aber sehe, dass da ein Rechtsruck passiert, dann ist mir klar, dass das schon aus der Geschichte heraus falsch ist. Ich hoffe, dass das viele andere auch so sehen. Das spornt mich an, Lieder zu schreiben, die das klar äußern.

Was muss sich ändern in der Gesellschaft, damit sich Jugendliche nicht mehr zweifelhaften Subkulturen wie dem Rechtsextremismus anschließen?

Das ist ein weites Feld. Problematisch wird es, wenn junge Menschen sich einsam und verloren fühlen und weder in der Familie noch in der Schule aufgefangen werden. Bildung, Freizeitangebote und die Stärkung der Familie sind wahnsinnig wichtig. Was in meinen Kopf nicht rein will, ist, wie viel Geld nach wie vor für Rüstung ausgegeben wird. Und was wir an Waffen exportieren! Gleichzeitig wollen wir aber nichts mit den Konsequenzen zu tun haben. Also jenen Menschen, die aus den Krisengebieten flüchten, in die wir die Waffen liefern. Das kann nicht sein! In meiner Vorstellung müsste man all das Geld hernehmen, um sich damit hier um Menschen zu kümmern, die sich nicht aufgehoben fühlen und die nicht genügend Bildung bekommen. Damit wäre schon vieles getan. Aber vielleicht bin ich da auch sehr naiv.

Werden Sie sich weiter engagieren?

Ich denke, ja. Wenn uns irgendetwas berührt und es in unserer Macht steht, etwas zu tun, dann werden wir das machen. Für Flüchtlinge zum Beispiel oder für eine offene Gesellschaft.

Wie offen ist die Gesellschaft hierzulande?

Ich habe das Gefühl, dass die Menschen offener sind als die Gesellschaft. Wenn ich im Gespräch bin mit Leuten, dann merke ich, die sind gar nicht so. Ich war zum Beispiel auf einer Anti-Pegida-Demo und bin danach im Zug heim gefahren. Mir gegenüber saßen Leute, die auf der Pegida-Demo waren und wir sind ins Gespräch gekommen. Letztendlich hatten wir eine nette Zugfahrt miteinander. Ich habe festgestellt, ihre Angst war unbegründet, denn sie beruhte auf falschen Tatsachen. Sie wollten einfach nur sich und ihr Leben schützen. Ich stelle immer wieder fest, wie wichtig es ist, miteinander zu reden. Das ist so einfach und oftmals so schwer, weil die unterschiedlichen Parteien nicht zusammenkommen.

Haben Sie persönlich Angst vor der Zukunft?

Ich werde manchmal von ganz abstrakten Ängsten überfallen. Dann denke ich: „Was kann ich denn außer Musik und was passiert, wenn das mal wegfällt?“ Angst gehört zum Leben dazu. Aber ich kann darüber reflektieren und merke schnell, diese Ängste haben nichts mit der Realität zu tun. Ich habe nur Angst davor, dass viel mehr Menschen durchdrehen und denken, sie seien jetzt in einer Sackgasse. Alles, was ihnen jetzt noch hilft, ist eine Attacke. Deshalb müssen wir alle aufeinander achten.

Ist Deutschland ein Land, in dem Sie gerne leben?

Ich lebe gerne in Deutschland, weil ich hier wahnsinnig gut leben kann. Ich fühle mich frei und konnte bisher immer alles machen, was ich wollte. Das ist ja in vielen Ländern gar nicht möglich. Deswegen bin ich dankbar, dass ich hier geboren wurde. Ich verspüre deswegen keinen Nationalstolz, weil es eine reine Glückssache ist, hierhin geboren worden zu sein. Es ist keine Leistung, ein Deutscher zu sein. Aber wir haben die Aufgabe, das Leben hier zu gestalten.

Interview: Olaf Neumann
 

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