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Sprung mit Auslösekabel

Ausstellung Sprung mit Auslösekabel

In einer japanischen oder südkoreanischen Straße steigt ein Mann auf einen schmalen Baum. Mitten zwischen den glatten, geradlinigen Fassaden der hohen Häuser, zwischen ihren Marmorverkleidungen oder Hinweisschildern biegt sich das kleine Bäumchen unter der Last des Europäers.

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Verhältnis von Mensch und Raum: Bilder von S. Stumpf.

Quelle: CH

Doch er lässt nicht ab vom kleinen Stück Natur, erklimmt es Stück für Stück – und das sieht nicht eben einfach aus – bis er die Krone des Zierbaums erreicht hat. Dort verharrt der Besteiger. Es ist der Foto- und Videokünstler Sebastian Stumpf, der der Protagonist und zugleich auch der Aufzeichnende seiner Arbeiten ist. Die Videotakes „Bäume“ zeigt der Kunstverein in seiner aktuellen Ausstellung „All these Walls“ im Künstlerhaus.

Der 1980 geborene Stumpf studierte in Nürnberg, Lyon und bei Timm Rautert in Leipzig. Sozialdokumentarisch ist sein Werk nur im zweiten Sinne. Er nimmt den Menschen, meist sich selbst, als stellvertretendes Subjekt und Objekt zugleich, inmitten des urbanen Raumes auf, den er und der ihn bestimmt.

Auch in dem Londoner Viertel um das Barbican Art-Center hat Stumpf sich fotografiert, während er zwischen funktionalistischen, menschenleeren Fassaden über Geländer und Mauern ins scheinbar Bodenlose springt. Den Moment des Überquerens der Grenze, der Moment, in dem es kein Zurück mehr geben kann, hält er fest. Das Auslöserkabel seiner Kamera ist im Sprung immer dabei, in der späteren Fotografie zeichnet es sich ab. Es überbrückt nicht, aber es dokumentiert den Zwiespalt von „Performing und Recording“, den auch Florian Ebner, Leiter des Braunschweiger Museums für Photografie, in seiner Einführungsrede benannte. Ein Netz aus Sprüngen durchzieht den Raum, der Springende, der „Traceur“ der Sportart Parkour, legt eine Spur, ebnet den Weg.

Stumpf lotet das Verhältnis von Mensch und Raum aus, von Architektur und Bewegung. Er bestimmt Verhältnismäßigkeiten oder gibt zumindest einen Anlass dazu. Auf diese Weise beschreiten seine Arbeiten eine Grenze und bestimmen eine Lücke. Den Abstand zwischen zwei Häusern, in Großstädten zu Recht Häuserschluchten genannt, definiert Stumpf, indem er sich auf die Rahmen und Pfosten der dazwischen liegenden Tore und Durchgänge stellt. Immer in der Hand: Das Auslöserkabel seiner Kamera. Die Verhältnismäßigkeitsbemessung von Architektur und Mensch erinnert an Le Corbusiers Proportionsschema Modulor, ein beweglicher Grenzgänger zwischen dessen Fensterbändern und Stahlbetonideen sich die Stadt der Gegenwart aufspannt, der soziale urbane Raum sich bemisst.

Bis Sonntag, 27. Februar, dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr, an den Wochenenden von 11 bis 17 Uhr im Künstlerhaus Göttingen, Gotmarstraße 1.

Von Tina Lüers

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