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Regional Stiller Protest in der DDR
Nachrichten Kultur Regional Stiller Protest in der DDR
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14:43 28.02.2018
Eric (Jonas Dassler, l-r), Theo (Leonard Scheicher), Lena (Lena Klenke), Paul (Isaiah Michalski) und Kurt (Tom Gramenz) mit ihren Mitschülern in einer Szene des Films "Das schweigende Klassenzimmer". Quelle: dpa
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Wider Willen im Widerstand

Zwei Minuten gemeinsam schweigen: Das klingt doch nach einer prima Aktion, ist keine große Sache, eher ein spontaner Spaß. Jedenfalls sehen Kurt, Theo, Lena und die anderen Schüler das so. Wenn man so jung ist wie sie, dann hat man jedes Recht, gegen die Ungerechtigkeiten der Welt zu protestieren.

In einem Kino im Berliner Westen, wo Kurt (Tom Gramenz) und Theo (Leonard Scheicher) gar nicht hätten sein dürfen, haben sie in der „Wochenschau“ Szenen vom Aufstand der Ungarn gegen die sowjetischen Machthaber gesehen und waren sofort Feuer und Flamme – dabei ging es ihnen bei ihrem heimlichen Ausflug in den Westen ursprünglich um die Darbietung danach, den „Film mit den Möpsen“.

In Ungarn, so hieß es in den West-Nachrichten im Kino fälschlicherweise, sei ihr Fußballidol Ferenc Puskás erschossen worden (dabei befand sich der Spieler nicht einmal in Budapest, blieb nach der Niederschlagung der Revolte gleich im Ausland und siegte fortan für Real Madrid). Nach ihrer Rückkehr nach Stalinstadt – die später in Eisenhüttenstadt aufging – entscheiden die Jugendlichen aus einer Laune heraus, im Geschichtsunterricht zwei Minuten lang einfach nicht den Mund aufzutun. Nicht nur innerlich grinsen sie, als ihr Lehrer tobt. Der Mann hatte ja keine Ahnung, was überhaupt los ist mit seiner Klasse, in der nicht einmal die besten Schüler auf einfache Fragen antworten.

Beinahe wäre die Sache als Jugendstreich ad acta gelegt worden. Rektor Schwarz (Florian Lukas) hätte es am liebsten so. Aber da hat sich der Vorfall schon rumgesprochen bei einem besonders staatstreuen Lehrer im Kollegium. Nun lässt sich nichts mehr gnädig vergessen. Die Staatsmacht macht einen Staatsakt draus – mit drastischen Folgen: In den Weihnachtstagen flüchtet beinahe eine ganze Schulklasse in den Westen. Es zieht sich ja noch keine Mauer durch Berlin. Eine beinahe unglaubliche Geschichte vom jugendlichen Widerstand hat sich damals abgespielt, wenn auch in Storkow in Brandenburg. Regisseur Lars Kraume hat einen Spielfilm daraus gemacht, Titel: „Das schweigende Klassenzimmer“. Die Jugendlichen schwiegen auch dann noch solidarisch, als der Druck auf jeden Einzelnen erhöht wird. Sie wollten die Namen der Anführer nicht verraten.

Kraumes Film ist frei von Pathos. Und die Schüler sind auch nicht als Helden geboren, sie werden dazu gegen ihren eigenen Willen gemacht. Je mehr sie in die Enge gedrängt werden, desto enger schließen sich notgedrungen die Reihen.

Der Regisseur Kraume kann so etwas erzählen. Er hat schon einmal feinfühlig einen anderen zwischenzeitlich beinahe vergessenen Helden ins Kino geholt: den hessischen Staatsanwalt Fritz Bauer, der beinahe im Alleingang die Auschwitz-Prozesse initiiert hatte und ein unbeirrbarer Aufklärer der NS-Vergangenheit war („Der Staat gegen Fritz Bauer“, 2015).

Die Oberschüler in Stalinstadt wollen Abitur machen. Sie glauben durchaus an ihren Staat, die DDR, die meisten von ihnen zumindest. Und dann rückt der leibhaftige Volksbildungsminister Lange (Burghart Klaußner) an, ist über jeden Einzelnen bestens informiert und droht, ein Exempel zu statuieren: Er werde die ganze Klasse vom Abitur ausschließen. Von „Konterrevolution“ und „Klassenfeinden“ schwadroniert er.

Die Schüler wissen gar nicht recht, wie ihnen geschieht. Aber eines wissen sie genau: Noch sind sie vom Leben nicht so verbogen, als dass ihnen ihre Ideale nichts mehr wert wären.

Eine Leistung dieses Kinofilms besteht darin, die unterschiedlichen Biografien so vieler Beteiligter in die Historie einzubetten: Eltern und Lehrern sitzt die Geschichte im Nacken. Die, die sich als die größten Ideologen aufspielen, haben Leichen aus der NS-Zeit im Keller. Oder sie waren selbst einmal Rebellen wie Theos Vater (Ronald Zehrfeld), der am 17. Juni 1953 protestierte und jetzt für seinen Sohn ein besseres Leben möchte als jenes, das er im Stahlwerk führt.

Man wüsste in diesem Film gern genauer, wo die Grenze zwischen Fakten und Fiktion verläuft. Manches wirkt allzu gerundet, etwa die Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen Theo, Kurt und Lena (Lena Klenke). Und Michael Gwisdek spielt einen knorrigen Altkommunisten, wie man sich ihn sich als Jugendlicher nur wünschen kann, wenn die Welt gerade über einen hereinbricht.

„Alles treffsicher“, hat Dietrich Garstka über diesen Film gesagt. Er war einer der schweigenden Schüler von 1956 und hat ein Buch darüber geschrieben. Bei der Sichtung von Kraumes Film sei in ihm sofort die Verachtung wieder hochgekommen, „dass es selbst bei Schülern nur noch darum gehen sollte, ob sie für oder gegen das Regime waren. Bist du für den Frieden oder gegen den Frieden, hieß es immer, bist du für die DDR oder gegen sie. Das war eine elende Verengung der Welt.“

Garstka war am 19. Dezember 1956 der Erste, der „Republikflucht“ beging. Er nahm den Frühzug von Storkow bis Berlin-Königs Wusterhausen und fuhr mit der S-Bahn in den Westen. Alle anderen, bis auf vier Mädchen, folgten in den nächsten Tagen in kleinen Gruppen. In der Bundesrepublik wurden die Grenzgänger als politische Flüchtlinge anerkannt. Ihr Abitur machten sie im anderen deutschen Staat.

„Das schweigende Klassen- zimmer“, Regie: Lars Kraume, 112 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen

Adams Pfirsich

Es gibt diese Szene gegen Ende des Films, die den Betrachter wirklich bewegt. Ein Vater redet mit seinem Sohn. Der alternde Universitätsprofessor kleidet sein Anliegen in geschichtliche Bezüge, weil es behutsam zugehen muss und er die Worte im vertrauten Metier umso klarer setzen kann. Er zitiert Michel de Montaigne, spricht von der „besonderen Freundschaft“, die der Philosoph im 16. Jahrhundert mit dem reformerisch gesinnten Hohen Richter Étienne de La Boétie pflegte.

Der Sohn, Elio, 17, akademisch gebildet, versteht in den Trauerworten aus Montaignes Hohelied über die Freundschaft natürlich, dass der Vater seine „besondere Freundschaft“ meint. Elios Freund Oliver, ein Doktorand, der dem Vater bei seinen archäologischen Studien half, ist wieder zurück in den Staaten. Und die Leere hat alles in Elio ausgefüllt, wo zuvor alles verwirrend überbordete.

Das hätte falsch geraten können, kitschig und pompös. Aber Guadagnino („A bigger Splash“) trifft exakt den richtigen Ton für die Zuneigung zu einem Sohn, der sich in Scherben fühlt und zusammengeklebt werden muss. Er und sein Drehbuchautor, der 90-jährige Regiekollege James Ivory („Zimmer mit Aussicht“) werfen den Blick in die unverschanzte Seele in einem wunderbaren Film, der über 130 Minuten von einer Romanze erzählt. Es war einmal 1983 in der Lombardei ...

Ein Sommererwachen. Das seine Weile haben will. Erst macht sich der Junge lustig über den allzu selbstbewussten Oliver, für den er sein Schlafzimmer hergeben musste. Bald aber bewundert Elio die Anmut des Älteren, schaut länger hin, wenn der mit Mädchen tanzt, und seine Blicke werden zart.

Es steht hier nie die Geschichte einer schwulen Liebe im Mittelpunkt sondern die der Liebe überhaupt, ihrer Wege und Hemmnisse. Für Armie Hammer, bekannt für Popcornkino wie „Lone Ranger“ ist die Rolle des abwartenden Oliver der Sprung ins Charakterfach.

Der noch nahezu unbekannte Timothée Chalamet aber ist sensationell, wie er mit seinen Blicken und seinem Körper Bände spricht. Der 21-Jährige steht auf der Oscarliste und wenn man als Zuschauer dasitzt, abgebrüht von zehntausend Filmen, und doch die Augen feucht von all dem Gesehenen, gibt es keinen Zweifel, wer ihn am 4. März bekommen muss.

Der „New Yorker“ nannte André Aciman einen „scharfsinnigen Grammatiker der Sehnsucht“. Die Verfilmung ruft den Zuschauer bei seinem Namen und man fühlt sich von jedem Bild angesprochen.

Und auch wenn es natürlich die Szene mit dem reifen Pfirsich sein wird, die ihn im kollektiven Gedächtnis abspeichern wird, ist es das Gefühl, das er im Betrachter auslöst, das ihn zu einem Klassiker machen wird. Was der Vater, hervorragend gespielt von Michael Stuhlbarg, zu seinem Sohn sagt, ist ein Geschenk auch an alle Zuschauer, die diese Worte vielleicht selbst dringend gebraucht hätten, damals in ihrem eigenen Sommer.

„Call Me by Your Name“, Regie: Luca Guadagnino, 132 Minuten, FSK 12

Jungbrumme im Wettkampf

Hätte sie sich aufs Nektarsammeln beschränkt, wäre sie wohl nicht so populär geworden. Spätestens seit 1976, als sie dank einer Zeichentrick-Serie zum TV-Star wurde, ist die kleine Biene Maja bekannt wie ein bunter Hund. Nach ihrem computeranimierten Kinodebüt von 2014 schwirrt sie nun hinein in ein neues Leinwandabenteuer.

Ein Abgesandter der Bienenkaiserin taucht bei ihrem Völkchen auf. Es soll die Hälfte seiner Honigproduktion für die anstehenden Honigspiele „spenden“.

Die Königin fügt sich schweren Herzens. Doch damit mag sich Maja nicht abfinden. Zusammen mit Freund Willi fliegt sie zur Hauptstadt Summtropolis. Leider verärgern die beiden die Kaiserin – zur Strafe müssen sie nun bei den Spielen mit einem Team starten, das aus lauter Losern besteht. Siegt das Team Klatschmohnwiese nicht, ist die ganze Ernte futsch.

Der Film lehnt sich schon vom Titel her an die Hungerspiele der „Die Tribute von Panem“-Reihe an. Aber natürlich geht es in der Animationswelt der Jungbrumme nicht so düster zu wie bei „Panem“-Heldin Katniss Everdeen. Konflikte und Probleme werden versöhnlich gelöst.

„Die Biene Maja – Die Honigspiele“, Regie: Alexs Stadermann, 85 Minuten, FSK 0, Cinemaxx Göttingen, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz, Filmcenter Feilenfabrik Duderstadt

Ein völlig verrückter Spieleabend

Trotz der Tendenz zu Videogames befinden sich die Absatzzahlen für Brettspiele auf einem Rekordhoch. Mittlerweile gibt es sogar eigene Brettspielcafés, in denen sich nicht nur Hipster regelmäßig für gemeinsame Spieleabende zusammenfinden. Grund genug für die beiden „Vacation“-Regisseure John Francis Daley und Jonathan Goldstein, sich in „Game Night“ des Themas anzunehmen, dem die beiden auch privat frönen.

Max (Jason Bateman) und Annie (Rachel McAdams) haben ihr Leben dem Brettspiel gewidmet. Der ewig gleichen Abläufe müde, schlägt Max’ cooler Bruder Brooks (Kyle Chandler) eines Abends ein ganz besonderes Spiel vor: Wie in einem Krimi sollen die Mitspieler ein Verbrechen aufklären. Dann gerät die Spielgemeinschaft ins Visier echter Gangster.

Das Timing für wohldosierten Slapstick, jede Menge Sprachwitz und die stilsicher inszenierte Action sitzen und machen aus der starbesetzten Komödie ein gleichermaßen derbes wie harmloses Vergnügen – nicht nur für Brettspielfans.

„Game Night“, Regie: Jonathan Goldstein, John Francis Daley, 100 Minuten, FSK 12, Cinemaxx Göttingen, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz

Immer diese fiesen Russen!

Das FBI ermittelt gegen Russland und den eigenen Präsidenten – Zeit, die alten Spionage-Thriller-Stereotypen hervorzukramen.

In Francis Lawrence’ „Red Sparrow“ gerät die russische Ballerina Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) in die Fänge der titelgebenden Geheimorganisation. Sie wird auf den CIA-Spion Nathaniel (Joel Edgerton) angesetzt. Daraus könnte nun ein interessantes Katz-und-Maus-Spiel entstehen.

Aber dafür sind hier Gut (der CIA-Agent) und Böse (die Russen) zu eindeutig verteilt. Wem das nicht reicht, der bekommt noch ein paar akribisch inszenierte Foltersequenzen vor den Kopf geknallt. Widerlich. schw

„Red Sparrow“, Regie: Francis Lawrence, 139 Minuten, FSK 16, Cinemaxx Göttingen, Central-Lichtspiele Herzberg am Harz

Von Stefan Stosch, Matthias Halbig und Jörg Brandes

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