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Tagebuch einer Baller-Generation

Premiere: "Jugend ohne Gott" Tagebuch einer Baller-Generation

Nach und nach ergießt sich der Strom der Zuschauer am Sonnabend in den Saal des Jungen Theaters Göttingen. Auf der Bühne lärmt es schon. Dort stehen Jugendliche mit Tastaturen in ihren Händen und lassen es krachen. Auf einer Großbildleinwand sieht man, dass sie „Ego-Shooter“ spielen.

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Weltstars und Schüler

Ballern ohne Skrupel: Schüler in ihrer Welt.

Quelle: Eulig

Sie schleichen sich durch virtuelles Gelände und knallen Feinde ab. Schier endlos zieht sich der Auftakt der Premierenvorstellung der Inszenierung „Jugend ohne Gott“. Mit diesem Einstieg in das Stück gibt Regisseur Andreas Krebs Realität wieder. Wer am Computer ballert, ballert Stunden.

Das Regieteam hat aus dem Roman „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth eine Bühnenfassung erstellt. Im Original, geschrieben 1938, ist es strammer Nazinachwuchs, den der Lehrer nicht mehr erreicht. Krebs hat moderat aktualisiert, doch wirkt die virtuelle Gewaltsequenz wie ein Fremdkörper im ansonsten psychologischen Spiel. Der Einfall war zu naheliegend.

Lehrer-Mobbing

Wie schon in der vergangenen Spielzeit in „Club der toten Dichter“ agieren Jugendliche neben einem souveränen Profi, diesmal Dave Wilcox (Susa Hansen und Axel Theune sind in verschiedenen Kleinrollen dabei). Sie heißen N, T, Z, R und B und entsprechen dem Bild durchschnittlicher Gleichaltriger, wie es die Medien vermitteln. Neben ihrer Begeisterung für blutige Computerspiele kommunizieren sie per SMS, ihre Mobiltelefone legen sie auch während des Unterrichts kaum aus der Hand. Sie mobben Lehrer im Internet, wo sie auch fertige Referate finden, die sie unbearbeitet als ihre eigenen abgeben. Natürlich haben sie ihre Sexualität entdeckt, natürlich geht dabei einiges schief.

Erstaunlich allerdings, dass trotz dieser Ansammlung von Klischees plötzlich Individualität hervorbricht.Denn obwohl sie alle offenbar Stunden ihrer Zeit mit elektronischer Rumpfkommunikation verbringen, findet einer von ihnen die Muße, Tagebuch zu schreiben. Der idealistische Lehrer, der auf der Suche nach den Gründen für sein Scheitern die privaten Aufzeichnungen seines Zöglings liest, löst damit eine Katastrophe aus, die Buch und Stück als Krimi verhandeln.

Eine Reihe starker Szenen gelingen dem Ensemble, wie jene, als Torben Bendig als Schüler T den Lehrer herausfordert. Andere wie das Kartoffelschälen im Zeltlager geraten dagegen etwas bemüht. Das Bühnenbild von Martin Käser mit einem drehbaren Fransenteppich ist gewöhnungsbedürftig, aber wirkungsvoll. Eine sehr solide Produktion.

  • Zahlreiche Vormittags- und Abendvorstellungen bis 17. Dezember im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05    51   /   49    50    15.

Von Peter Krüger-Lenz

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