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Feierliche Melancholie

"The Slow Show" im Kulturzelt in Kassel Feierliche Melancholie

Manchmal taucht eine neue Band aus dem Nichts auf und hinterlässt etwas Magisches. Bei The Slow Show ist es die sonore Stimme von Rob  Goodwin, die auf Anhieb fasziniert. Ihre hymnischen, unaufgeregten Songs präsentierte die fünfköpfige Band aus Manchester mit großem Pathos im Kulturzelt in Kassel.

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Quelle: lin

Kassel.  Manchester ist die Wiege großer Bands wie Joy Division, The Smiths, The Fall oder The Stone Roses. The Slow Show reihen sich da nahtlos mit ein. 2015 sorgte die Band gleich mit ihrem Debut-Album „White Water“ für große Aufmerksamkeit. Der Bandname ist Programm für ihre Songs, die in Americana-gefärbtem, teils pastoralem, mit Chören, Streichern und Bläsern verdichtetem düsteren Indie-Pop voller Melancholie schwelgen.

Oft werden The Slow Show mit der amerikanischen Band „The National“ verglichen. Doch sie haben ihre eigene Note gefunden, zelebrieren in ihren Songs aber auch die feierliche Getragenheit der ebenfalls in Manchester verwurzelten Band Elbow. Mit „Dream Darling“ hat die Band um Rob Goodwin, Gesang, Gitarre, Fred Kindt, Keyboards, Joel Byrne McCullough, E-Gitarre, Chris Hough, Drums und James Longden, Bass, 2016 schon ihr zweites Album veröffentlicht.

Chorgesänge geleiten die Band zu „Strangers Now“ auf die Bühne. Dezente Perkussion, filigrane Pianotupfer, folkloristische Gitarrenlicks, sich ausbreitende Keyboardteppiche und feierliche Waldhornklänge steigern sich langsam in eine symphonisch anmutende Dramaturgie. Ein stimmgewaltiger Hallelujah-Chor leitet den Song „Dresden“ ein. In „Dry My Bones“, einem Lied über das nächtliche Trinken, wiederholt Goodwin zum Ende eindringlich die Zeile „...don´t cry, I´ll try to dry my bones in the morning...“.

Schwelgerische, orchestrale Ausbrüche kontrastieren in ihren Kompositionen mit zurückhaltenden Gitarren- und Pianoklängen während über allem mit großer Lässigkeit Goodwins unaufgeregt brüchiger Bariton-Sprechgesang schwebt. Dieser erinnert an Kurt Wagner von dem amerikanischen Kollektiv Lambchop, das am 2. August ebenfalls im Kulturzelt auftritt.

Goodwin ist zweifellos ein Romantiker. Mit großer Lässigkeit singt er über gebrochene Herzen. „Breaks Today“ beginnt mit den Zeilen „You broke my heart today, to see how it would feel...“ und strahlt all diese feierliche Melancholie aus, die ihre Songs so eindringlich macht. Selten verlassen die Musiker ihre Pfade, um aus dieser getragenen Stimmung auszubrechen.

Das spielerisch leicht instrumentierte „Brawling Tonight" schildert Beobachtungen über das nächtliche Treiben in der Stadt. „Bloodline“, der heimliche Hit des ersten Albums, ein mitreißender Song, von ihren Fans in den Konzerten meist enthusiastisch mitgesungen und gefeiert, krönt ihren eindringlichen Auftritt.

Goodwin bedankt sich charmant bei dem lautstark stampfenden und klatschenden Publikum. Deutschland sei ihr zweites Zuhause geworden. Es ist ihr vorletztes Konzert auf der Tour. Danach wollen sie sich Zeit für ein neues Album nehmen. Zumindest da scheinen sie ein anderes Tempo zu gehen.

Ein Abend mit zeitlos schöner Musik endet mit „God Only Knows“, einem Stück über das Älterwerden.

Von Jörg Linnhoff

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