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Regional Aufgewachsen ohne PCs
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00:29 09.04.2018
Cover von Til Mettes neuem Buch "Cartoons für die moralische Elite mit Bildung, Geld & gutem Geschmack" Quelle: r
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Göttingen

Ist ja auch nicht mehr selbstverständlich. Auf 128 Seiten hat der Maler und Cartoonist Til Mette ein Best of seiner Arbeiten aus den vergangenen Jahren zwischen zwei handwerklich schön gestalteten Buchdeckeln untergebracht.

Der letzte Abend der Austauschschülerin

„Ein Cartoon ist eine Grafik, die eine komische und/oder satirische Geschichte in einem Bild – meist mit einer Pointe – erzählt“, lehrt uns Wikipedia. Check: Stimmt. Weiter heißt es beim Brockhaus für Pisa-Versager des frühen 21. Jahrhunderts: „Ernsthaft gezeichnete Kommentare zum politischen Tagesgeschehen mit kritischer Absicht werden als Karikatur bezeichnet. Der Übergang ist jedoch fließend.“ Erneuter Check: Stimmt ebenfalls. Die Bandbreite, die Til Mette zeigt, ist überwältigend. Vom einfachen, aber auf den Punkt gebrachten Kalauer, in dem ein leitender Angestellter mit Kehrblech in der Hand sich darüber freut, dass es bald Frauen im Aufsichtsrat gibt, bis zum hintergründigen, fast abgründigen Satz eines alten Mannes an ein kleines Kind: „Wir haben etwas gemeinsam, Kleiner. Wir sind beide vor dem Krieg geboren. Du weißt das nur noch nicht ...“. Mal bemüht Mette das universelle Komikprinzip, die formale Hülle zu nutzen und den Inhalt umzukehren, was dann beim Anblick einer Kirche einen Fremdenführer zu dem Hinweis veranlasst: „Zur Linken sehen Sie eine Verletzung atheistischer Gefühle aus dem 19. Jahrhundert.“ Mal schafft er einfach absurde Szenen wie den letzten Abend einer nervigen Autauschschülerin, die alles besser weiß, am Hofe eines orientalischen Königs.

Partys als Arbeitsplatz

Umfassend und erschöpfend wirkt auch die Themenvielfalt in den wunderbaren Cartoons. Mette beschreibt die kleinen alltäglichen Tücken ebenso wie großartige Untiefen des Mainstreams. Arbeit und Religion, Beziehungsszenen und Bettelei und immer wieder Partyszenen. Eine nach der anderen, eine schöner als die andere, und in der schönsten schlägt eine Upper-Class-Lady vor, ... – ach, sehen Sie es sich einfach selbst an. Solch eine schöne Zeichnung kann ein Rezensent eigentlich nur kaputtbeschreiben. Stehpartys scheinen für Mette tatsächlich reine Arbeitszeit zu sein.

Ein Leben ohne PCs

Ungenannt bleiben im Titel die Kohorten, an die sich die „Cartoons für die moralische Elite mit Bildung, Geld & gutem Geschmack“ richten. Mette beobachtet, beschreibt und zeichnet aus der Perspektive der Menschen, die noch ohne die beiden PCs aufgewachsen sind: Personal Computer und Political Correctness. Dabei vermeidet der Wahl-Hamburger unbekanntes Terrain, sondern konzentriert sich auf das, womit er sich auskennt. Im den Cartoons folgenden kurzen, aber gleichermaßen aufschlussreichen wie unterhaltsamen Interview, das der „Stern“-Korrespondent Michael Streck mit ihm führte, äußert Mette: „Ich stamme aus einer eher bildungsbürgerlichen Familie und darüber kann ich am besten zeichnen, weil ich mich darin auskenne. ... Aber das bürgerliche Milieu ist Heimspiel.“ Und das bestreitet er ungeheuer souverän. Damit kann der Cartoon-Band kein echtes All-Age-Buch sein, wenn auch nahezu jeder Lebensabschnitt darin unterhaltende und komische Zeichnungen finden wird.

Komische Kunst vom Feinsten

Mettes feine Beobachtungen und sein Humor sind für sich genommen schon großartige Gründe, sich diesen Band zu gönnen. Seine Zeichnungen ein weiterer. Nur vordergründig sparsam ausgestattet, erfordern diese einen zweiten und dritten Blick und offenbaren dann einen trittsicheren Sinn fürs Wesentliche und viel Aufmerksamkeit für Details. Das zusammengenommen ergibt eine Menge zum Niederknien schöner Cartoons voller Witz in vielen Nuancen. Stetes Pendeln zwischen Cartoon und Karikatur, zwischen Tagesaktualität und Alltagsbetrachtung. Komische Kunst vom Feinsten für den Hausgebrauch, zur allerbesten Unterhaltung und zur Schärfung des eigenen Verstandes.

Til Mette: „Cartoons für die moralische Elite mit Bildung, Geld & gutem Geschmack“; Lappan, 128 Seiten, Hardvocer, 14,99 Euro. ISBN: 978-3-8303-3486-6

Till Mette im Netz

Till Mette im Netz:

Facebook: https://www.facebook.com/til.mette.7

Website: http://tilmette.de/

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E-Mail: c.oppermann@goettinger-tageblatt.de

Twitter: @tooppermann

Facebook: https://www.facebook.com/christoph.oppermann

Von Christoph Oppermann

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