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Regional Jazzfestival auf neuen Wegen
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00:21 23.01.2019
Das Tingvall-Trio im Sartorius College. Quelle: Wolfgang Beisert
Göttingen

Das Göttinger Jazzfestival geht neue Wege: Die Veranstalter möchten zusätzlich zum jährlichen Event im November auch an anderen Terminen hochwertige Jazzkonzerte präsentieren. Die Premiere am Sonnabend im Sartorius College war erfolgreich: Mit dem Tingvall Trio gastierte eines der bedeutendsten europäischen Klavier-Trios vor vollem Haus.

Martin Tingvall verrät es schon mit den ersten Tönen, die er auf der Klaviatur des Pianos anschlägt: Er ist Lyriker und Romantiker. Als Musiker liebt er das poetische Spiel mit volksliedhaften Melodien. Die Themen seiner Kompositionen scheinen einfach – aber nur auf den ersten Blick. Was der in Schweden geborene und in Hamburg lebende Pianist aus diesen singbaren Stücken mit dem kubanischen Bassisten Omar Rodriguez Calvo und dem deutschen Schlagzeuger Jürgen Spiegel entwickelt, ist einmalig.

Die Titel beginnen oft mit Melodien, die wie ein kleiner Bach mäandrieren, und in denen die Töne wie Wassertropfen im Licht funkeln. Zusammen mit seinem Trio erweitert der Pianist den Fluss der Musik zu einem weiten, mächtigen Strom voller Energie, der in ein stürmisches Meer mündet – und manchmal dann wieder in einer einfachen, leisen, zarten Melodie endet. Dieses Trio zelebriert die Veränderung der Musik innerhalb einer Komposition. Nichts bleibt bei diesen drei Musikern wie es begonnen hat – gerade das macht ihre Musik so spannend.

Das Tingvall Trio spielt im Satorius College eine Mischung von Stücken aus ihrer 15-jährigen Bandgeschichte. Was dies Ensemble hervorhebt, ist seine große stilistische Bandbreite. Die Stücke sind mal verträumt oder hymnisch, mal mit kraftvoller Rock-Attitüde, sie können mächtig Groove-Appeal verbreiten oder mit Blues und Weltmusik flirten.

Was aber vereint all diese unterschiedlichen musikalischen Stile? Kurz: Was ist der Tingvall-Klang? Es ist das besondere gleichberechtigte Zusammenspiel der drei exzellenten Musiker. Im ständigen Blickkontakt entwickeln sie die Stücke weiter, geben ihnen Leichtigkeit, lassen sie abheben zu Höhenflügen. Da ist neben dem Bandleader der Bassist, der auf dem Kontrabass mit singendem Ton wunderschön soliert oder mit dem Bogen ganz präzise bordunartige Begleitungen spielt. Der Schlagzeuger spielt wie intuitiv die Rhythmen, bereichert die Musik mit vielen Details auf den Trommeln und Becken und gibt auch mal selbstbewusst und laut die Richtung vor.

Selbstverständlich sind alle drei Musiker für sich hochvirtuos. Aber das ist hier fast schon nebensächlich. Ihre eigentliche Virtuosität liegt im meisterhaften Zusammenspiel, Stücken spontan eine gemeinsame Richtung zu geben — so funktioniert Trio-Spiel!

Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg

Tingvall selbst gelingt es, Töne mit der linken Hand glitzern zu lassen. Er reiht sie wie leuchtende Sterne eines Sternzeichens zu Melodien aneinander ohne sie mit Harmonien der rechten Hand zu verdecken. Seine Kompositionen sind immer markant, bleiben im Ohr – kein Wunder, dass er für Rockstar Udo Lindenberg Songs vertonen durfte wie „Wenn Du durchhängst“, „Eldorado“ oder „Woody Woody Wodka“. Der Pianist liebt das Labyrinth der ausschweifenden und wilden Improvisation, weiß aber auch immer den passenden Weg zurück zu den liedhaften Themen seiner Stücke.

Egal, in welcher Stilistik Martin Tingvall gerade spielt: Seine Tastenläufe und Akkorde sind von Helligkeit durchdrungen. Die Musik dieses Trios kann man aufregend, freundlich, positiv und offen titulieren – genauso könnte man auch die drei sympathischen Musiker beschreiben, die mit einem Lächeln im Gesicht spielen.

Das Tingvall Trio zeigte an diesem Abend wie Jazz die menschliche Seele in einen höheren Aggregatzustand versetzen kann – erfüllt mit Energie und erhellt von innerer Freude. Alleine für diese Erfahrung war das mit 350 Personen sehr gut besuchte Konzert ein wunderbarer Auftakt für die neue Konzertreihe der Veranstalter vom Göttinger Jazzfestival. Bitte weiter so!

Von Udo Hinz

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