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Regional Tom Ryser inszeniert am Staatstheater Kassel eine temporeiche Evita
Nachrichten Kultur Regional Tom Ryser inszeniert am Staatstheater Kassel eine temporeiche Evita
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19:46 28.01.2013
Machthungrige Diva mit fiktiven Gegenspieler: Julia Klotz (Evita) und Henrik Wager (Che). Quelle: Klinger
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Kassel

Weil Hits sich aber leichter verkaufen lassen als Anspruch, beschränken sich viele aktuelle Musicalproduktionen auf seichte Unterhaltung. Das Staatstheater Kassel bildet mit seiner „Evita“-Produktion eine rühmliche Ausnahme.

Diese tempo- und personenreiche Inszenierung nimmt gefangen vom Anfang bis zum Schluss. Regisseur Tom Ryser hält Sänger, Tänzer, Choristen und Statisten unentwegt auf Trab, ja lässt sie noch vor Stückbeginn schon beim Einlass auf der von Silvia Merlo und Ulf Stengl als multifunktionaler Raum mit mehreren Ebenen gestalteten Bühne lebendig agieren. Aus dem Sog dieser Bewegung wird der Zuschauer nur in wenigen ruhigeren Momenten entlassen.

Den Motor hält Dirigent Yoel Gamzou mit Leidenschaft im Schwung. Er lässt die vielfältigen Klangfarben der stellenweise überraschend neutönerischen Partitur – auch das geht im Einerlei von Hit-Produktionen sonst vielfach verloren – aufleuchten, gibt immer wieder neue, belebende orchestrale Impulse. Ergänzt wird der Orchesterpart durch die kammermusikalisch besetzte Band, die dementsprechend flexibel für intensiv verdichtete Momente sorgt.

Eine herausragende Julia Klotz

Das Ensemble ist – eine schöne Idee – gemischt aus professionellen Gästen mit Sängerinnen und Sängern des Opernchores in den kleineren solistischen Partien. Herausragend die wirbelnde, strahlende, siegende und am Ende dahinsinkende Julia Klotz als Evita: Ihr heller Sopran hat feinste Nuancierungen, ihre sprachliche Artikulation ist perfekt (gesungen wird auf Englisch mit deutscher Übertitelung), ihre Tanzkunst liegt auf hohem Niveau. Henrik Wager als etwas verlotterter, aber messerscharf analysierender Che ist ihr völlig ebenbürtig, sehr differenziert in der schauspielerischen Darstellung wie in den stimmlichen Mitteln.

Dass Bernhard Modes als Juan Peron schauspielerisch gegen diese beiden Darsteller etwas steif wirkt, ist einem Opernchor-Mitglied sicherlich zu verzeihen. Dafür bringt er bemerkenswerte vokale Qualitäten mit. Mit seinem kurzen, klangschönen Auftritt als Tangosänger Magaldi gewinnt Christian Alexander Müller im Nu die Sympathien des Publikums, ebenso Runette Botha als Peróns verstoßene Geliebte, die Evita weichen muss.

Große Aufgabe

Große Aufgaben haben in diesem Musical Chöre und Tänzer zu bewältigen. Der Opernchor wie auch der Jugendchor „Cantamus“ waren stets in das kräftefordernde Bewegungskonzept von Regisseur Ryser eingebunden, was die Erwachsenen ebenso wie die Jugendlichen mit großem Erfolg bewältigten. Die kleine stimmliche Desorientierung der „Cantamus“-Vokalisten zu Beginn wird gewiss in den kommenden Aufführungen vergessen sein.

Am Ende dieses lange und begeistert beklatschten Premierenabends fühlte man sich nicht nur zwei Stunden lang blendend unterhalten, sondern auch ganz unaufdringlich informiert über ein historisches Phänomen der jüngeren Vergangenheit, als in Argentinien um 1950 Personen mit sozialen Ideen und Charisma in einer perfekten Inszenierung die Kunst der Massensuggestion virtuos beherrschten.

Komponist Andrew Lloyd Webber und Texter Tim Rice liefern sehr stimmig die differenzierte Analyse eines Idols. Das ist mehr, als man sonst von einem Musical erwartet.

Für folgende Termine gibt es noch Karten:  6., 12., 13. und 22. Februar, 21. März, 5. und 20. April (jeweils um 19.30 Uhr) sowie 28. April (18 Uhr), dazu neun weitere Vorstellungen bis 4. Juli. Kartentelefon 0561/ 1094222.

Von Michael Schäfer

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