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„Überraschend, frech und unkalkulierbar“

Interview mit Michael Wollny „Überraschend, frech und unkalkulierbar“

Der Pianist Michael Wollny zelebriert die heutige Grenzenlosigkeit des Jazz. Bei ihm ist ein Dur-Akkord genauso aufregend wie ein zwölftöniges Gefüge, ein rhythmisch komplexer Moment genauso spannend wie ein Vierviertel-Groove. Am Sonnabend spielt das Trio „Michael Wollny’s [em]“ beim Göttinger Jazzfestival. Udo Hinz sprach mit dem Pianisten über Punk, Verantwortung im Trio-Spiel und sein Faible für Filmkunst.

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Gerade auf größerer Tournee: Eva Kruse, Michael Wollny und Erik Schaefer (v. l.).

Quelle: Grosse-Geldermann

Von Ihnen stammt der schöne Satz: „Wir wollen den Punk im Jazz“. Was möchten Sie vom Punk? Das Energetische, das Befreiende?

Das Aufbegehren gegen das Etablierte! Für mich hat Punk mit der Suche nach dem Unerhörten zu tun. Es geht immer darum, Grenzen zu hinterfragen und dabei Neues zu finden.

Was ist Ihnen denn beim Spiel am Wichtigsten?

Den Moment auf der Bühne intensiv zu erleben! Das zu machen, was sich in jedem Moment richtig anfühlt. Also im Zweifelsfall auch mal das Protokoll brechen und etwas ganz anderes in den Mittelpunkt stellen als in der Komposition vorgesehen – das kann sehr emotional, sehr komplex oder sehr einfach sein. Es ist das Privileg improvisierter Musik, dass man alles jederzeit verändern kann.

Worauf freuen Sie sich, wenn sie mit Ihren Kollegen vom Trio [em] zusammenkommen?

Was uns auszeichnet ist, dass wir uns schon so lange kennen und intensiv befreundet sind. Doch jeder von uns hat eine andere Lebenssituation: Eva Kruse lebt in Schweden, Erik Schaefer in Berlin, ich in Frankfurt. So ist für mich wichtig, dass ich bei den Konzerten meine Freunde treffe. Das macht unsere spezifische Vertrautheit aus.

Mit welchem Bewusstsein gehen Sie dann auf die Bühne?

Ich versuche, mit möglichst offenen Antennen auf die Bühne zu gehen und mich dem Instrument und den spezifischen Schwingungen des Raums zu öffnen. Dafür braucht man innere Ruhe – trotz des Reisens und der vielen Ortswechsel.

Wie viel Nähe ist gut für ein Trio, damit es sich künstlerisch entwickeln kann? Viele gemeinsame Konzerte oder eher auch längere Auszeiten? 

Beides! Es ist ein großer Luxus, wenn man viele Konzerte nacheinander spielt, weil man eine gewisse Vertrautheit entwickelt. Doch man braucht auch Phasen in denen man Abstand gewinnt. Dann macht jeder sein Ding und kann die Mitmusiker wieder überraschen, mit dem was man in der Zwischenzeit für sich entdeckt hat.

Entlastet Sie das Spiel im Trio? Die Verantwortung liegt ja auf drei Schultern?

Man trägt eher zusätzliche Verantwortung für die beiden Kollegen mit – sozusagen für die Musik, die aus uns dreien herauskommt. Manchmal ist es befreiend, manchmal ist es belastend. Bei einem aufrichtigen Trio-Gespräch muss man immer bei beiden anderen sein, und das aufnehmen was von ihnen kommt.

Es wird komplexer.

Es verzweigt sich. Wenn man mit einem Kontrabass spielt, hat man eine andere Aufgabenstellung als wenn man solo spielt. Man ist immer mit einem Ohr bei dem, was die Kollegen machen.

Das Piano kann sehr laut sein und verleiten, bombastisch zu klingen? Muss man als Pianist vorsichtig sein?

Sicher, doch Bombast kann auch beabsichtigt sein – zum Beispiel als Kontrast zu Minimalismus oder als Ironie. Es kann eine musikalische Entwicklung zum Exzess getrieben werden, damit am Ende Bombast entsteht.

Jazz wirkt oft bieder und hat auch mit einem Spießer-Image zu kämpfen. Wie wünschen Sie sich das Jazzumfeld der Zukunft?

Da ist zunächst mal die Frage: Was ist Jazz überhaupt? Für die einen – und da zähle ich mich dazu – ist es eine Musik, die überraschend, frech und unkalkulierbar sein kann. Sagen wir es also so: Ich wünsche mir, dass der Begriff Jazz auch in Zukunft weiterhin für vieles steht, nicht nur das eben genannte.

Brauchen Sie privat ein Gegengewicht zur Musik?

Wenn ich nicht auf Tour bin oder gerade keine Musik mache, interessiere ich mich für Filmkunst oder Literatur. Das kann man vielleicht als Ausgleich sehen. Oder eben als heimliche Inspiration für wieder neue Musik.

Michael Wollny’s [em] spielt am Sonnabend, 10. November , beim Göttinger Jazzfestival im Deutschen Theater Göttingen. Der Abend ist ausverkauft.
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