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„Und nachher verfiel ich doch dem Böstum“

Martina Gedeck liest in der Paulinerkirche „Und nachher verfiel ich doch dem Böstum“

Drei Jahre war Gesche Gottfried in Haft. Im März 1828 hatte ihr Vermieter Kügelchen im Schinken entdeckt. Es kam heraus, dass die 43-Jährige mit arsenhaltiger „Mäusebutter“ 15 Menschen umgebracht hatte. In aller Stille, ohne Skrupel und lange Zeit ohne das Misstrauen der Mitmenschen zu erregen.

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Zeichnet live während der Lesung: Illustratorin Barbara Yelin und ihr Mörderinnenbild.

Quelle: Vetter

Schauspielerin Martina Gedeck gab der Bremer Giftmörderin am Donnerstagabend in der Göttinger Paulinerkirche ihre Stimme. Sie las Texte aus Prozessakten, die der Worpsweder Schriftsteller Peer Meter für die Lesung zusammengestellt hatte.

Gesche Gottfried wurde am 19. April 1831 in Bremen enthauptet. Als Gefangene hat sie für Gesprächsstoff und Entsetzen in Bremen gesorgt, ihr Morden hat weit über ihren Tod hinaus die Menschen beschäftigt.

Gesche Gottfried war Gedeck, 1961 in München geboren und in Landshut und Berlin aufgewachsen, „gänzlich unbekannt“.

Bei der Vorbereitung auf die Lesung in der Reihe „Der Norden liest“ des NDR-Kulturjournals stellte Gedeck fest, das Gottfried „ein moralisches Bewusstsein hatte, aber es ist, als würde in ihrem Gehirn etwas fehlen“.

Beim Einstudieren ihrer Filmrolle der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof habe sie ähnlich empfunden.

Es gebe trotz der abscheulichen Taten dieses Gefühl, „eigentlich ist sie gut. Ich bin froh, dass ich den Stab nicht brechen muss“, sagt Gedeck und greift damit im Gespräch mit Autor Peer Meter und Zeichnerin Barbara Yelin eine Szene aus deren Graphic Novel „Gift“ auf.

Denn am Ende bricht der Bremer Richter Senator Franz Friedrich Droste den Stab über Gesche Gottfried und verurteilt sie zum Tode. 30 000 Menschen sollen zu ihrer und zugleich der letzten öffentlichen Hinrichtung auf dem Bremer Domshof gekommen sein.

„So eine Verbrecherin wie ich bin, hat es ja wohl noch nie gegeben“: Gedeck spricht leise, gibt sich nachdenklich, zurückhaltend als Delinquentin Gesche.

Schwarzes T-Shirt, schwarzer langer Rock, robuste schwarze Schnürstiefel, die Haare zurückgebunden – eine unauffällige Frau, die in der Zelle über ihre Taten nachdenkt, ihre Gedanken zu Protokoll gibt.

Kalt ist der Abendhauch im Gefängnis und in der Paulinerkirche. Gedeck zeigt den Wankelmut der Bürgersfrau: „So kämpfe ich oft mit mir selbst“, erzählt sie, „und nachher verfiel ich doch dem Böstum“.

Sie bringt ihre Männer um, ihre Eltern, ihre Kinder, ihre Nachbarn – „ohne Grund, bloß aus Trieb“. Manchen wie ihrer Freundin Marie Heckendorff gibt sie über Jahre Gift, immer nur kleine Dosen.

Und pflegt sie beim folgenden Unwohlsein. „Sie ist ein Weib, was über ein Wort von Goethe weint und doch ihre Kinder vergiftet“, urteilt Droste in einem Brief.

Peer Meter hat sich mit Gesche Gottfried in zwei Büchern befasst. Er konnte die bis 1987 verschollen geglaubten Prozessakten auswerten.

Schon nach dem fünften Todesfall habe es Hinweise auf Giftmord gegeben, aber die Bremer Biedermeier hätten in der Gottfried lieber den die Sterbenden pflegenden „Engel von Bremen“ gesehen, erklärt Meter.

Barbara Yelin, die während der Lesung am Overhead-Projektor Szenen aus „Gift“ zeichnet und zeigt, glaubt, dass es ein Aufbegehren war gegen die minderwertige Frauenrolle in der damaligen Gesellschaft, „darin nimmt sich diese Frau diese Macht“.

Es ist immer noch, so sieht es Martina Gedeck, „die Rätselhaftigkeit, die sich um diese Frau rankt“.

Das wird so bleiben, auch wenn Meters Recherchen vieles in bisherigen Darstellungen über Gottfried widerlegen. Er denkt sich „Abgründiges“, so auch der Titel der NDR-Veranstaltungsreihe, nicht aus, sondern holt es mit alten Fällen ans Licht.

Peer Meter, Barbara Yelin: „Gift“. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 200 Seiten, 14,90 Euro.
Peer Meter: „Gesche Gottfried – Eine Bremer Tragödie“. Edition Temmen, 240 Seiten, 14,90 Euro.
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