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Ungewöhnlich und hemmungslos

Ungewöhnlich und hemmungslos

"Ein Freitagstermin ist ungewöhnlich, so ungewöhnlich wie dieser Abend. Heute wird hier nicht gelesen, sondern performt!“ Das sind die einleitenden Worte von Anja Johannsen, Leiterin des Literarischen Zentrums, das an diesem Abend gut besucht ist.

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Mit breitem Spektrum und viel Präsenz: Nora Gomringer.

Quelle: Vetter

Die Autoren Nora Gomringer (Bamberg) und Christian Uetz (Zürich) mit ihrem Programm „Performanz und Rhapsodie“ haben Konkurrenz: In einer Gaststätte nebenan ist eine lautstarke Andrea-Berg-Coverband zu Gast. Mit Sprachgewalt verhindern jedoch beide, dass ihnen die Aufmerksamkeit der Zuschauer entgleitet. Gomringer beginnt mit den Worten: „Ich werde jetzt etwas mit der Sprache machen“. Dieses „Etwas“ sei sehr ungewöhnlich, so ungewöhnlich, dass „Sie vielleicht Gott oder ihre Eltern anrufen wollen“.

Was die beiden da machen ist ungewöhnlich, in vielerlei Weise auch hemmungslos. Sie sind hemmungslos in Bezug auf Sprache und Sprachgebrauch, Uetz auch teilweise in Bezug auf sein bevorzugtes Thema: Sex. Etwas mehr Variabilität wäre wünschenswert gewesen, auch was seine Darstellung betrifft. Im Gegensatz zu Gomringer performt der schlaksige Schweizer zwar im Stehen, schießt aber im immer gleichen provozierenden und irgendwann enervierenden Ton geradezu mit Wörtern um sich, gern auch mal in Schwyzerdütsch und taxiert dabei mit durchdringendem Blick die Zuschauer. Zweifelsohne geistreich, aber alles in allem anstrengend, da fürs Verstehen und Sackenlassen kein Raum bleibt.

Ganz anders Gomringer. Sie lässt Sätze, Wörter, Laute wirken. Ihre Blicke sprechen Bände, ihre Präsenz ist großartig. Man wundert sich, was sie alles mit Sprache anzustellen vermag. Da stehen Lautmalereien wie „Laaangsaaamkeeeiiit“ an der Tagesordnung, da wird gesungen und mal eben in anderen Sprachen gesprochen. Ihr Themenspektrum ist breit, ihre Texte sind zuweilen drastisch („we are all underpaid, overworked and underfucked“), dann amüsant, pointiert, aber auch manchmal ganz fragil und romantisch: „Glück: Wissen, dass du noch ein Bier lang im Raum bist.“
Jeweils dreimal sind die vor Energie sprühenden Autoren in den rund 70 Minuten abwechselnd zu hören. So ganz glücklich erweist sich diese Vortragssart aber nicht, da die Darbietungen von Uetz und Gomringer sich in zu krasser Weise unterscheiden.

Von Marie Varela

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