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Uraufführung: Kricheldorfs „Testosteron“ in Kassel

Spaß am Grotesken Uraufführung: Kricheldorfs „Testosteron“ in Kassel

Ein Märchen soll das sein, was Rebekka Kricheldorf im Auftrag des Staatstheaters Kassel geschrieben hat. Und „Testosteron“ heißt das Stück. Zwei falsche Fährten. Das zeigte die  Uraufführung im Theater im Fridericianum (tif), der Studiobühne des Staatstheaters, inszeniert von Schirin Khodadadian.

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In der Klemme: Klemmer (Jürgen Wink),  Silvana (Alina Rank), Solveig (Anke Stedingk) und Enrique Keil als Slatko (v. links).

Quelle: Klinger

Kassel. Die Klemmers leben in „gutes Viertel“. Sie besitzen einen großen Fernseher, viele Pokale, bekommen für irgendwas, und eine tolle Schrankwand (Bühne: Ulrike Obermüller). Ihnen geht es gut, sie können sogar abgeben. Der Prostituierten Silvana helfen sie finanziell beim Ausstieg, und dann steht sie plötzlich vor der Tür, kurze Zeit später auch ihr Vater Slatko, der ihr Zuhälter ist. Als Ausgleich für den Verlust von Silvana wirft er sich schließlich Solveig über die Schulter, die angehende Schwiegertochter des Hauses, und verschwindet zurück in „ganz schlechtes Viertel“. Da Sohn Ingo ein Weichei ist, kann jetzt nur noch dessen Bruder Raul helfen, ein Auftragskiller, der Angst verspüren kann. Er lebt in „schlechtes Viertel“ und war ausgezogen – Achtung: Märchen – das Fürchten zu lernen.

Kricheldorf hat eine ziemlich wüste Parabel auf das Leben geschrieben. Sie hat viele Klischees etwas holzschnittartig verarbeitet und ein wahrhaft groteskes Szenario geschaffen, in dem sich prächtige Darsteller tummeln. Jürgen Wink ist grandios als Patriarch der Arztsippe. Björn Bonn spielt Sohn Ingo wunderbar labberig, Aljoscha Langel dessen Bruder Raul mit viel Macho-Attitüde. Anke Stedingks Schwiegertochter Solveig macht gleich zweimal eine wundersame Wandlung durch, und Alina Ranks Ex-Prostituierte ist bemerkenswert klarsichtig. Würze bekommt die Inszenierung durch die Figur des Zuhälters Slatko, der wirklich fies ist und dann plötzlich so sympathisch. Enrique Keil glänzt in dieser Rolle wie selten.

Viel Blut fließt in der Inszenierung, die Khodadadian mit sicherer Hand und viel Spaß am Grotesken gebaut hat. Abgeschnittene Körperteile fliegen über die Bühne, eine weibliche Hand rutscht schon mal in eine männliche Hose. Bis an die Schmerzgrenze haben die Autorin und die Regisseurin den Spaß getrieben, nie aber darüber hinaus. Wer ein bisschen gute Nerven besitzt, wird gut unterhalten.

Weitere Vorstellungen: 8., 21. und 28. Dezember sowie am 11. und 27. Januar um 20.15 Uhr im Theater im Fridericianum in Kassel. Kartentelefon: 05 61 / 10 94 222.
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