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Regional „Nora und ihr anderer Name“ im ehemaligen IWF Göttingen
Nachrichten Kultur Regional „Nora und ihr anderer Name“ im ehemaligen IWF Göttingen
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09:37 24.06.2018
Szene aus Nora mit Jasmina Music und Johannes Meier. Quelle: r
Göttingen

Ein Rondell aus weißen, befleckten und teils zerrissen Flächenvorhängen schwebt in der Mitte der Bühne. Das gelbe Scheinwerferlicht gibt durch die Lücken zwischen den Vorhängen den Blick auf eine weibliche Person frei. Ein Video wird projiziert: Ein Paar schmiert sich verliebt Joghurt ins Gesicht und eine scheinbar glückliche Familie stößt aufs neue Jahr an. Die Darsteller, die auf der Leinwand zu sehen sind, laufen bedächtig um das Rondell und verharren in einer Position am Rand der Bühne. „Lange konnte ich keine Entscheidung darüber treffen, ob ich bleiben oder gehen soll“, ertönt es aus dem Off. „Jedes Mal, als ich den Entschluss fasste, zu gehen, fielen mir hundert Gründe ein, um zu bleiben. Und als ich mich entschied, zu bleiben, fielen mir hundert Gründe ein, um zu gehen.“

Uraufführung des Originaltextes „Familienbuch“

Die Uraufführung des Originaltextes „Familienbuch“ von Ayham Abu Shaqra erzählt unter der Regie von Wessam Talhouq die Geschichte der Syrerin Ghufran, die nach Deutschland aufbricht in der Hoffnung, sich selbst zu finden. Sie flieht vor den Verheimlichungen ihres Freundes und dem Versteckspiel ihrer Familie. Nach sechs Monaten als Au Pair muss sie Asyl beantragen und landet in einer Flüchtlingsunterkunft: „Hier werden die politischen Probleme zu bürokratischen.“ Um den ständigen Nachfragen über ihre Herkunft zu entgehen, ändert sie ihren Namen in Nora.

Syrien 2012: Ghufran (Jasmina Music) in Jeansjacke und ihr Freund Essam (Johannes Meier) mit Brille sitzen auf einer Parkbank, dargestellt durch weiße Würfelkisten, vor ihnen zwei Tüten mit Pistazien, die sie hörbar knacken und wortlos essen. „Das einzige was mich an Syrien festhalten lässt, das bist du“, ein Satz an dem Ghufran im Laufe des Stückes immer mehr zweifelt. Ihr Freund verheimlicht ihr irgendetwas und lässt sowohl sie als auch den Zuschauer bis zum Schluss im Unklaren darüber, was genau das ist. Aussagen über die Revolution und Festnahmen im Land lassen auf einen politischen Grund schließen. Allgemein klärt die Inszenierung viele Szenen nicht auf, sondern lässt sie im Black auslaufen: Eine Explosion und ein Mama-Ruf aus dem Off werfen Fragen auf. Der Ruf ist Teil der Szene, in der Ghufran die zweite Frau ihres Vaters (Christoph Lindner), Widad (Imme Beccard), zur Rede stellt.

Angespannte Familiensituation der Protagonistin

Bei der Sichtung ihres Familienbuchs, welches sie für ihr Visum braucht, erfährt die 24-Jährige von der Existenz einer zweiten Frau und ihrer Halbschwester. Ihre Familiensituation, angespannt durch die verschiedenen politischen Ansichten von Vater und Sohn (Meier in einer Doppelrolle), scheint zu eskalieren. Fast unauffällig fragt sie ihre Mutter (Franziska Aeschlimann) beim Auflisten von Nebenwirkungen eines Kopfschmerz-Medikaments nach Widad, diese hält sich nur die Hand an den Kopf und wechselt das Thema. Ein Sinnbild für ein Stück voller Misskommunikation und Verheimlichungen. Mit einem harmonischen Spiel und authentischen Dialogen überzeugen die Darsteller in ihrer Verzweiflung und ihrem Streben nach Sicherheit, die sich in allen Fällen als sehr brüchig herausstellt: „Die Wahrheit ist nicht immer das Beste.“

Der Regisseur, der Autor, die Dramaturgin (Kaouthar Hiba Slimani) und der Bühnenbildner (Wessam Darweesh) sind alle Absolventen des „Higher Institute of Dramatic Arts“ in Damaskus und miteinander befreundet. Heute leben sie in Deutschland, Frankreich und Schweden. Ziel dieser erstmaligen gemeinsamen Zusammenarbeit in Deutschland ist für die Exil-Künstler vor allem der künstlerische Austausch und die gestalterische Annäherung zwischen syrischen und deutschen Theatermachern. „Die einzelnen Worte sind nicht entscheidend, wichtig ist nur die Ehrlichkeit und Dringlichkeit eines jeden Gefühls, das wir zwischenmenschlich und auf der Bühne miteinander erleben und teilen“, sagt Schauspielerin Music.

Weitere Vorstellungen sind am 24., 25., und 26. Juni jeweils um 19.30 Uhr im Theater im ehemaligen IWF, Nonnenstieg 72. Karten ab sieben Euro gibt es bei der Geschäftsstelle des Göttinger Tageblatts, Weender Straße 44, und an der Abendkasse.

Von Madita Eggers

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