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Uraufführung: „Rotlicht“ im Deutschen Theater Göttingen

„Der Nächste“ Uraufführung: „Rotlicht“ im Deutschen Theater Göttingen

Zwei Kameras eines öffentlich-rechtlichen Senders, der nicht regelmäßig im Deutschen Theater (DT) Göttingen zu Gast ist, nehmen reichlich Raum ein im DT-Foyer, dazu weitere optische und akustische Aufnahmegeräte. Viele Journalisten mit Blöcken und gezückten Stiften sind gekommen: Die Pressekonferenz, die weniger eine Pressekonferenz als ein Podiumsgespräch ist, lockt die Berichterstatter.

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Domina mit viel Berufserfahrung: Karolina Leppert.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Das Thema: „Rotlicht“. Regisseurin Julia Roesler kooperiert mit ihrer „Werkgruppe 2“ nun schon zum vierten Mal mit dem DT, und diesmal geht es eben um die Arbeit im Sexgewerbe. Das interessiert offensichtlich.

Zu Gast ist Karolina Leppert, vorgestellt als Sexarbeiterin, als Domina aus Berlin. Im Alter von 50 Jahren sei sie zu diesem Beruf gekommen, sagt die zierliche Frau, die so eloquent redet. Sie antwortet auf Fragen, die ihr die Schauspielerinnen stellen, die in der Produktion „Rotlicht“ agieren.

Für die Stückfassung haben Roesler und die Dramaturginnen Anna Gebhards und Silke Merzhäuser mit  Frauen gesprochen, die im Sexgewerbe arbeiten. Sie seien in Bordellen gewesen, in sogenannten Laufhäusern und Flatrate-Clubs. Die Bandbreite des Erfahrenen ist groß. Während eine kurze gelesene Passage das Grauen des Gewerbes überdeutlich zeigt – „Ich hatte 32 Freier an einem Tag, es war der Vatertag. Ich konnte nur noch sagen, ,der Nächste‘.“

Domina Leppert steht für das entgegengesetzte Ende der Skala, stellvertretend für jene Frauen, die den Beruf freiwillig gewählt haben, vielleicht sogar aus Überzeugung. So jedenfalls erzählt es Leppert, so hat sie es auch schon in Talkshows berichtet. Im Alter von 50 Jahren sei sie eingestiegen in den Job, weder aus Geldnot noch sonst einem Zwang, auch kein Mann habe sie dazu angehalten. Und Leppert kann viel berichten von ihrer Erfahrung im Umgang mit Männern, die dafür bezahlen, Schmerz zugefügt zu bekommen.

 100 Männer, die ihre Dienste in Anspruch nehmen, haben 100 Gründe, sagt Leppert. Die einen empfinden die Qual als Strafe, die anderen als Belohnung. Und Leppert zitiert eine Kollegin: „Eine gute Domina braucht Lebenserfahrung und ein großes Herz.“

Kostprobe auf der Bühne

Nach dem Gespräch dann eine Kostprobe auf der Bühne. Eine Frau sitzt auf einem Barhocker. Hinter ihr steht eine Fensterfront mit heruntergelassenen, roten Rollläden. Sie wirkt selbstsicher und erzählt aus ihrem Leben. Die Schauspielerin Nadine Nollau spielt in „Rotlicht“ eine Domina, Ähnlichkeiten mit Leppert werden deutlich.

Ruhig und wissend gibt sie dem Zuschauer aus der Sicht der Sexarbeiterin einen Einblick in die Welt des Sadomasochismus. „Nur ein Fünftel der Kunden muss ausgepeitscht werden“, sagt Nollau auf der Bühne, und diese Information ist nur ein kleiner Teil des dargebotenen Wissens.

In einer anderen Szene sitzen zwei Frauen auf der Bühne, die eine leichter bekleidet, die andere eher leger. Hinter ihnen präsentieren sich vier weitere Frauen in den Fenstern. Stefany Dreyer und Denia Nironen spielen zwei in Deutschland arbeitene Prostituierte aus Rumänien. „Wenn man nach Hause kommt, dann will man nicht mehr angefasst werden“, sagen beide.

Ihre Haltung ist anderes als die der Domina. Sie wirken in sich gekehrter, fast gebrochen und doch sind sie bemüht, Stärke zu zeigen. Solche Einblicke in das Rotlicht-Gewerbe berühren und machen nachdenklich.

Am Ende der Szene stehen alle sechs Darstellerinnen auf der Bühne. Noch einmal erzählen sie von ihrer Arbeit. Die einen voller Stolz, die anderen gedämpft und zurückhaltend. 

Drei Musikerinnen begleiten die beiden Szenen. Ihre Instrumentierung ist eher klassisch, doch die Musik, die Insa Rudolph geschrieben hat, klingt nach anspruchsvollem Pop.

Julia Roesler hat mit „Rotlicht“ ein Terrain betreten, das sonst eher hinter vorgehaltener Hand thematisiert wird. „Der doppelmoralische Umgang unserer Gesellschaft mit Sexualität“ solle hinterfragt werden.  Doch bei der Frage nach der Doppelmoral lacht Domina Leppert und nennt den Begriff „sehr strapaziert“. Leppert übrigens, inzwischen jenseits der 65, hat die Peitsche wohl an den Nagel gehängt.

Das jedenfalls verkündete sie in einer Gesprächsrunde des Norddeutschen Rundfunks im vergangenen Jahr. Klar gesagt wurde das an diesem Nachmittag nicht.

„Rotlicht“ hat am Sonnabend, 6. April um 19.45 Uhr Uraufführung im Großen Haus des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Karten gibt es unter der Telefonnummer 05 51 / 49 69 11.

Von Peter Krüger-Lenz
und Lisa Dionysius

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