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Bewegtes Leben, bewegtes Stück

Uraufführung am Deutschen Theater Bewegtes Leben, bewegtes Stück

Sofja Kowalewskaja war eine geniale Mathematikerin und die erste Frau, die als Professorin lehren durfte. Antje Thoms hat ihr Leben auf der Bühne des Deutschen Theaters Göttingen inszeniert. „Sofja – Revolution of a Stare Body“ ist ein rasantes, energetisches und rotierendes Stück geworden.

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Die Schauspieler Christina Jung, Felicitas Madl und Dorothée Neff.

Quelle: R

Göttingen. Angst vor Mathe hat sie nicht: Sofja Kowalewskaja, in Russland geboren, kommt 1868 nach Heidelberg um Mathematik und Physik zu studieren. Begleitet wird sie von ihrer Schwester Anjuta, ihrer Freundin Julija und ihrem Ehemann Vladimir. Geheiratet hat sie nur, um in Deutschland studieren zu können. So schafft Sofja es, zu Vorlesungen zugelassen zu werden. Sechs Jahre später wird sie auf die Vermittlung ihres Mentors Weierstraß in Göttingen promoviert. Sie reicht gleich drei Dissertationen ein. Ein wichtiges Thema: Rotationen schwerer Körper um einen festen Punkt.

Der DT-2-Saal wird im Bühnenbild von Jeremias Böttcher zum dreidimensionalen Koordinatenkreuz. Weiße Linien teilen den Raum in Kästchen ein. In der Mitte steht ein Quader, der nichts anderes ist als ein Karussell. Um Sofja dreht sich alles in diesem Stück: Ihre Freundinnen, ihre Schwester, ihr Ehemann greifen nach den Eckpfeilern dieses Quaders und laufen los. Bardo Böhlefeld als Ehemann Vladimir verliert die Bodenhaftung und fliegt ein Stück. In der Mitte des Karussells steht Sofja (Christina Jung), den Blick auf ihre Differentialgleichungen geheftet.

Der deutsch-französische Krieg und die Mietzahlungen interessieren die eifrige Studentin nicht. Julija (Dorothée Neff) kümmert sich um die alltäglichen Sorgen und Besorgungen, legt Sofja eine Decke über die Schulter, wenn sie über ihren Büchern einschläft. Vladimir kommt einmal im Monat zu Besuch und füttert Sofja mit Kirschen. Anjuta (revolutionär: Felicitas Madl) schwenkt derweil in Paris die rote Fahne und kämpft 1871 in der Pariser Commune.

Das bewegte Leben, der akademische Erfolg und die Revolution enden abrupt. Die vier jungen Akademiker kehren nach dem Tod des Vaters zurück nach Russland. Das Karrussell ist keines mehr, stattdessen wird der Quader mit Hausrat und Plunder angefüllt. Der Raum wirkt zwischen Teppichen und Kissen eng und bedrückend. Vladimir und Sofja verwandeln ihre Scheinehe in eine richtige. Auf dem Boden liegt Spielzeug: Rechenschieber und ein Kreisel. Nach dem Verlust des Geldes nimmt Vladimir sich das Leben. Sofja wird Professorin in Schweden.

Mal traurig, mal unterhaltsam zeichnet das Stück, uraufgeführt nach der Geschichte von Autorin Anne Schulte,  die Biografie von Sofja nach. Andreas Jeßing gibt den Patriarchen das immer selbe, restriktive Gesicht. Lutz Gebhardt erzählt als Amme von Sofjas Kindheit und fragt zwischendurch: „Tee?“. Die Antwort ist stets dieselbe: „Nee.“ Die drei Frauen wollen keinen Tee. Sie wollen nicht zuhause warten und Teetrinken, bis sich die Gesellschaft von alleine den Frauen öffnet. Sie wollen keine Hausfrauen und Gesellschaftsdamen sein, die Tee trinken, der Wärme und Heimeligkeit verbreitet. Sie wollen sich nicht trösten lassen, sie wollen Realität und Erfolg und Leiden. Unter ihren Röcken tragen sie Hosen.

Mit Nachdruck, Energie und Lebensfreude verkörpern Jung, Madl, Neff und Böhlefeld die Hauptfiguren. Ein bewegtes Stück über ein bewegtes Leben.

Die nächsten Vorstellungen von "Sofja" im Deutschen Theater, Theaterplatz 11, am 29. Dezember, 9., 19. und 25. Januar um 20 Uhr im DT-2; Kartentelefon 0551 / 4969-11

Von Jorid Engler

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