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Regional Göttinger Geschichte der Nutznießer
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11:38 08.02.2017
Quelle: r
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Löwenstein, Hahn, Blumenkrohn, Jacobson, Löwenberg oder Katz: nur einige Namen von Göttinger Familien, deren Leben sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 dramatisch veränderte. Sie wurden, weil sie jüdischen Glaubens waren, verfolgt, ihre Existenzen wurden vernichtet. Sie alle mussten fliehen oder wurden von den Nazis umgebracht.

Es war amtlich, es war Thema in Presse und Hörfunk, es war bekannt: Die regierende NSDAP wollte eine Gesellschaft ohne Menschen jüdischen Glaubens – mit allen Mitteln. Im Auftrag des Deutschen Theaters hat die Autorin Gesine Schmidt das Theaterstück „Die Nutznießer – ,Arisierung‘ in Göttingen“ geschrieben. Sie arbeitet ausschließlich mit Dokumenten aus Archiven und von Zeitzeugen. In diesem Fall legte sie den Fokus auf die Göttinger Familien und Firmen Löwenstein und Hahn.

Regisseur Marcus Lobbes hat das Theaterstück zur Uraufführung gebracht. Er lässt fünf Schauspieler vor einer Wand aus mehr als 50 Lautsprecherboxen agieren. Lässt die Schauspieler Benedikt Kauff, Benjamin Kempf, Frederik Schmid, Moritz Schulze und Katharina Uhland eifrig all das sortieren, untersuchen, überprüfen, was in Archiven von Menschen übrigbleibt: Briefe, Erlässe, Verträge, Gesetzestexte, die in Aktendeckeln, dicken und dünnen Ordnern, Karteikästen oder auf Telexspulen verwahrt sind. Akribisch suchen sie Hinweise auf Löwenstein und Hahn. Pia Maria Mackert hat den Archivaren große Brillen und Kleidung im Stil der Nachkriegszeit verpasst. Die fünf Schauspieler agieren anfangs beflissen, korrekt und arbeiten immer deutlicher mit dem Rezitieren von Verordnungen, Anweisungen von Behörden, Berichten aus Göttinger Nachrichten und Göttinger Tageblatt die dramatische Entwicklung heraus. Dieses ist sachlich, jenes, was die Augenzeugen und Verfolgten berichten, geht nahe. Die Berichte von Grete Löwenstein, die kurz vor der Ausreise in die USA von SA-Leuten mit ihrem Kind nachts aus dem Haus gejagt wird und mitansehen muss, wie ihr Hausrat zerstört und auf die Goetheallee geworfen wird. Max M. Hahn, der wohl sein Leben lang fassungslos darüber blieb, dass das Unrecht widerstandslos hingenommen wurde. Diesen Moment, dieses Zitat Hahns Jahre nach den Ereignissen stellt Benedikt Kauff  dar - so verzweifelt wie ungläubig erzählt er als Max Hahn und ist bald danach Wortgeber für einen Widersacher Hahns. So funktioniert diese Collage: Die Schauspieler schlüpfen als Archivare in die Rollen derjenigen, die sie zitieren, sind  Hausbesitzer, Angestellter, Polizist, Feuerwehrmann, Schulmädchen, Firmennachfolger, Bürgermeister oder  Regierungspräsident.

Termine

Weitere Vorstellungen von „Die Nutznießer - ,Arisierung‘ in Göttingen“ im Deutschen Theater, Theaterplatz 11, um 19.45 Uhr im DT-1 am 8. und 22. Februar, 10. und 23. März, 18. April, 9. und 20. Juni. Kartentelefon: 0551 /4969-11.

Mit der Verfolgung gingen Arisierung oder Liquidierung einher. Das Vermögen der jüdischen Familien wurde eingezogen, ihre Firmen wechselten die Besitzer, ihr Hausrat wurde zugunsten der Reichskasse versteigert. Nutznießer waren viele, sie sind aktenkundig.

Am Ende drängt das nur auf der Vorbühne in einem engen Archivsaal dargestellte Bühnenbild die Darsteller hinaus. Die Archivwand mit den Lautsprecherboxen, die das Sounddesign von Arne Vogelgesang, mit nur in Bruchstücken wahrnehmbaren Ansagen, Gesprächsfetzen wiedergegeben hat, setzt sich in Bewegung. Die Göttinger Überlebenden des Holocaust kehren zurück oder melden sich zu Wort, fordern Wiedergutmachung, Reparation. Beklemmend, wie im Sprachduktus des Gesetzes das Unrecht gerechtfertigt wird.

Alles in allem ein Schauspiel, das statisch erscheint, aber die zweistündige Aufführungszeit nutzt, um am Beispiel von wenigen geschäftsmäßig das Leid vieler und das Unrecht der Profiteure benennt – in Göttingen. Das ging nahe. Da brauchte es in der Premiere einen langen Moment, bis das Publikum mit verdientem Applaus und einigen Bravo-Rufen reagierte.

„Lohnende Geschäfte“

Akten, Protokolle und Zeitzeugenberichte aus den Jahren von 1933 bis in die Nachkriegszeit hat Gesine Schmidt gesichtet für ihr Theaterstück „Die Nutznießer - ,Arisierung‘ in Göttingen“. Nach der Uraufführung im Deutschen Theater dankte die Berliner Autorin dem Team des Stadtarchivs Göttingen für die Unterstützung ebenso wie Alex Bruns-Wüstefeld. Dessen Buch „Lohnende Geschäfte. Die „Entjudung“ der Wirtschaft am Beispiel Göttingens“ erschien bereits 1997. Die umfassende Untersuchung gibt detaillierten Einblick in die Machenschaften im Zeitraum von 1933 bis 1939, stellt arisierte und liquidierte Betriebe dar und stellt teilweise Haus für Haus Besitzerwechsel und den späteren Ausgang - sofern es Überlebende gab, die Forderungen stellen konnten – von Wiedergutmachungsverhandlungen dar. Eines der Kapitel heißt „Die Nutznießer“. Diese wurden 1946  im fünf-Punkte-Katalog des Entnazifizierungsverfahrens der Alliierten unter Belastete („Übeltäter“) gefasst und so beschrieben „mittelbar oder unmittelbar auf Kosten der politisch, religiös oder rassistisch Verfolgten, insbesondere mittels Enteignungen, Zwangsverkäufen und aller sonstigen ähnlichen Rechtsgeschäfte Vorteile für sich selbst oder für andere erlangt oder erstrebt [haben]“.

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