Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Im Grunde immer schon zu dritt
Nachrichten Kultur Regional Im Grunde immer schon zu dritt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:34 11.02.2018
Taschenspieler-Premiere im Theater im OP: Anja Kramer (links) als „Dia", Martin Liebetruth als „Adi“, Anja Kütemeyer als „Ida". Quelle: Opitz
Göttingen

Stimmengewirr, ein Stuhl und eine Frau im Sommerkleid, die offenbar ins Selbstgespräch vertieft ist. Die vorherrschende Farbe ist ein unnatürlich warmes Gelb. Eine männliche Stimme dringt durch das Gewirr. Mit diesem ersten Bild empfängt das Stück „Taschenspieler“ den Zuschauer. Wer hier spricht und mit wem, bleibt zunächst unklar. Zwei Frauen und ein Mann stehen sich schließlich persönlich gegenüber, beschnuppern sich, scheinen sich zu kennen und sind sich auch völlig fremd. Sympathie empfinden sie offenbar kaum – nicht für einander und nicht für sich selbst.

Autor Stenzel, hauptberuflich Gymnasiallehrer für Deutsch und Philosophie, hat seine Figuren als Stereotypen angelegt: Hier die Romantikerin Ida (Anja Kütemeyer), der ihre schönen Erinnerungen an die Vergangenheit so wichtig sind, dass sie sie in einer mehrfach gesicherten Tasche mit sich trägt. Dort die herrlich kühle Zynikerin Dia (Anja Kramer), der Prinzipien und Struktur ebenso zuwider sind wie der Gedanke, nicht im Rampenlicht zu stehen. Und schließlich der einsame Wolf Adi (Martin Liebetruth), der weder einsam noch Wolf sein will. Der aber auch nicht erträgt, wenn andere von sich reden oder von ihm fordern, mehr von sich zu offenbaren.

Tiefgründig und situationskomisch

In Dialogen – mal in tiefgründiger Verschrobenheit, mal in situationskomischer Alltäglichkeit – erforschen sich die Figuren gegenseitig. Sie offenbaren dabei die Wunden, die Unzulänglichkeiten, die Liebenswürdigkeiten des anderen. Wie gnadenlos sie dabei zu Werke gehen, zeigt die vermutlich namensgebende Schlüsselszene. So entreißen zwei Protagonisten der dritten ihre geliebte mit Ketten gesicherte Handtasche, öffnen sie gegen ihren Willen und entdecken – nichts. Die Tasche ist leer, die dort verborgenen Erinnerungen längst verflogen.

Die Szenen wechseln fließend, mal spricht man zu zweit am Kaffeetisch, mal sitzt man zu dritt vor dem Lachjogalehrer oder liegt gemeinsam im Bett auf Wassermelonenkissen. Am Rande: Der sich hier entspinnende Streit der Geschlechter über das sich Entblößen und die Angst vor sexueller Übergriffigkeit oder im Gegenzug davor, abstoßend auf den Bettnachbarn zu wirken, hat großes komödiantisches Potenzial.

Szenische Rückblicke

Zwischendurch streut das Drehbuch szenische Rückblicke auf einschneidende Ereignisse ein. Der kleine ängstliche Junge auf dem Dreimetersprungbrett wird vom autoritären Trainer als Versager beschimpft. Dem kleinen Mädchen, das sich mit seiner Freundin verabreden will, wird vom cholerischen Vater vorgeworfen, sein Leben mit Unsinn zu vergeuden. Die junge verängstigte Frau wird bei der Führerscheinprüfung vom schmierigen Fahrlehrer begrapscht.

Bei all dem überlässt es Stenzel, der auch Regie führt, seinen Figuren, das spärliche Bühnenbild durch neues Mobiliar zu ergänzen. An welchem Ort sie sich dabei befinden, wissen sie nicht. Klar wird nur, dass sie ihn nicht verlassen können. Jeder Versuch, wechselseitig voreinander zu fliehen, endet immer wieder im Kreise der Mitleidenden. „Ich gehe“, sagt Ida einmal. „Das können Sie nicht“, antwortet Adi. „Versuchen Sie es, es geht nicht.“ Aber scheinbar nähern sich die Drei dabei einander an. Beispiel Getränkebestellung: Während beim Picknick anfangs noch zu unterschiedlichen Getränke gegriffen wird – Weißwein, Bier und Wasser, alles zur Freude des Publikums mit Schraubverschluss, kann man sich später auf Bloody Mary einigen.

Grenzen verschwimmen

Diese Annäherung geht so weit, dass die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen. Warum haben Dia und Adi Schlüssel zu den Schlössern an Idas Tasche? Warum sprechen sie nach dem gemeinsamen Joga im Bett einige Textpassagen unisono? Warum kennen sie ihre Namen, ohne sich jemals vorgestellt zu haben? Spätestens, wenn sie mit Zahlenspielereien aus der Drei eine Eins machen, und diese mühelos wieder auseinanderdividieren, möchte man sich nicht mehr auf eine Zahl der anwesenden Individuen festlegen müssen.

Dennoch wird die Antwort auf die Frage, in welchem Verhältnis die Drei zueinander stehen, nicht explizit ausgesprochen. Stenzel gibt einen abschließenden Hinweis: „Im Grunde waren wir immer schon zu dritt“, heißt es am Ende des 80-minütigen Stückes. Ob als drei Facetten einer Person, drei Stimmen in einem Kopf oder drei Entwürfe eines Lebens bleibt den Zuschauern überlassen.

Die zollen am Sonnabend nach der Uraufführung sowohl den durchgehend überzeugend spielenden Schauspielern als auch dem Autor ihren Respekt mit lang anhaltendem Applaus.

Weitere Termine für die Inszenierung „Taschenspieler“ von Jürgen Stenzel im Thop, Käte-Hamburger-Weg, sind am 13., 14., 20., 21., 23., 24., 27., 28. Februar, sowie am 2. und 3. März. Karten sind im Vorverkaufoder an der Abendkasse erhältlich.

Von Markus Scharf

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Regional Michael Patrick Kelly auf Tour - Konzert in der Stiftsruine

Mit seinem neuen Album „iD“ ist Michael Patrick Kelly auf Tour. Am Dienstag, 6. August, tritt er bei den 68. Bad Hersfelder Festspielen in der Stiftsruine auf. Der Vorverkauf beginnt am 15. Februar.

14.02.2018

Wolf, Katze, Spatz und Kuh sind zu Millionären geworden. Ihr Leben im Altersheim könnte höchst angenehm sein, wären da nicht der Fuchs und die Pfleger, die an das Geld wollen. Mit ihrem Stück „Vier Millionäre - Berliner Stadtmusikanten III“ hat das Theater Zitadelle die 33. Göttinger Figurentheatertage eröffnet.

11.02.2018

Die amerikanische Hardcore-Band Death by Stereo hat am Sonnabend ein gefeiertes Konzert im Göttinger Freihafen gegeben. Vor 128 Gästen eröffneten die deutschen Bands James First und New Hate Rising den Abend.

14.02.2018