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Boat People Projekt macht „Die Probe“

Uraufführung in Göttingen Boat People Projekt macht „Die Probe“

Altlinke Kulturschickeria und traumatisierte, desillusionierte Künstler aus Syrien treffen in dem Theaterstück „Die Probe – Galixeo in Deutschmania“ aufeinander. Das Göttinger Boat People Projekt brachte es als Uraufführung am Sonnabend im Theater im ehemaligen IWF auf die Bühne.

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Die Schauspieler von „Die Probe“: Imme Beccard, Ahmad Kiki, Roula Thoubian und Hendrik Massute (von links).

Quelle: r

Göttingen. Verfasst haben das facettenreiche Stück die Berliner Autorin Sophie Diesselhorst, die Teil eines Künstlerinnen-Kollektivs ist, und der aus Syrien geflohene Chemiker und Theatermacher Anis Hamdoun. Klug reflektiert und unterhaltsam aufbereitet verweben sie ihre persönlichen Erfahrungen. Nina de la Chevallerie, die das Stück in Auftrag gegeben hat, setzt „Die Probe“ spannend in Szene.

Der selbstverliebte und Grappa-trunkene Intendant eines Provinztheaters (aufgeblasen: Hendrik Massute) engagiert eine aus Syrien geflohene Künstlerin (verletzlich: Roula Thoubian). Sie soll an seinem Haus Bertolt Brechts Theaterstück Leben des Galilei inszenieren. Doch die Erfahrungen, Ideen und Probleme der Araberin interessieren den Intendanten nicht. Er will sich selbst als progressiven Wohltäter darstellen.

Traumatisiert vom Bürgerkrieg

Zwei Schauspieler weist der Theaterfürst seiner Brecht-Interpretin zu: eine alleinerziehende Mutter (ausdrucksstark: Imme Beccard) und einen opportunistischen Flüchtling (lieb: Ahmad Kiki). Die Regisseurin ist von den Schrecken des Bürgerkriegs traumatisiert. Die Sorge um ihren auf der Flucht verschollenen Mann reibt sie auf. Gleichzeitig muss sie sich gegen die paternalistische Bevormundung durch ihren Wohltäter wehren, der sie am Ende als Regisseurin entmachten will.

Die Probe

Die Probe: Szene mit Ahmad Kiki und Imme Beccard.

Quelle: r

Eine Vielzahl von Themen schneiden die beiden Autoren an, lassen deutsche und syrische Sichtweisen aufeinander prallen. Der Intendant will „den herrschenden Verhältnissen gefährlich“ werden, wird aber von der Gesellschaft kaum wahrgenommen. Die Syrer haben den Terror der Herrschenden erlebt. Die großen Ideale sind ihnen fremd geworden. Sie wollen nur noch ihr Leben retten, wollen sich in der Fremde eine neue Existenz aufbauen.

Da begegnet die einsame alleinerziehende Mutter dem einsamen, theatralischen Araber. Das Stück stellt die prekären Beschäftigungsverhältnisse deutscher Kunstschaffender der existenziellen Not von Flüchtlingen gegenüber. Es thematisiert die Verlustangst der Linken vor dem Aufstieg der Rechtspopulisten.

Yoga und Wellness-Buddhismus

„Die Probe“ amüsiert sich über die deutsche Begeisterung für Yoga und Wellness-Buddhismus. Ausgerechnet der Buddhismus muss im Stück einem „Schöne, neue Welt“-Regime als Ideologie zur Unterdrückung von Wahrheit und Gerechtigkeit dienen. Bei Brecht war es noch der Katholizismus.

Rund um eine aus Holz gezimmerte Bühne (Ausstattung: Léa Dietrich) inszeniert de la Chevallerie das Stück. Von der Decke des Theaters im Flüchtlingsheim am Nonnenstieg hängen vier große Plexiglasscheiben. Sie dienen den buddhistischen Diktatoren von Deutschmania als Gongs (Musik und Sounds: Reimar de la Chevallerie). Die Schauspieler beschreiben und beschmieren die Scheiben. Die Regisseurin spielt mit Videotechnik, lässt ihre Darsteller in die Kamera sprechen. Gesprochen wird auch Arabisch. Die deutsche Übersetzung leuchtet oben an der Decke auf einem Stahlträger auf. Am Ende erhielt das Ensemble für seine starke Probe viel Applaus vom Premierenpublikum.

Die nächsten Aufführungen von „Die Probe“ beginnen um 19.30 Uhr am 27. und 28. Oktober sowie am 10., 11. und 12. November im Theater im ehemaligen IWF in Göttingen, Nonnenstieg 72.

Von Michael Caspar

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