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Regional Uraufführung unter der Regie von Exilkünstlern
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13:27 13.06.2018
Regieteam von "Nora": Wessam Darwaesh, Kaouthar Hiba Slimani, Wessam Talhouq Quelle: RCHEVALLERIE
Göttingen

„Danke schön! Bitte Licht!“ Zwei Szenen hat Regisseur Wessam Talhouq gerade durchspielen lassen. Zu der ersten gibt es Redebedarf. Die weißen Würfel, die in der Spielfläche – einem durch Flächenvorhänge begrenzten Kreis – Stühle, Tische, Parkbänke sein können, werden zusammengeschoben. Schauspieler, Regisseur und Dramaturgin setzen sich zusammen. „Da ist ein Haken!“, sagt Schauspielerin Franziska Aeschlimann. Dieser eine Satz sei sperrig, er störe. Zusammen mit Christoph Lindner und Jasmina Music hat sie gerade die Szene gespielt.

Nicht verwirklichte Träume

Bereits 2011 hat der syrisch-palästinensische Autor Ayham Abu Shaqra, der inzwischen in Paris lebt, „Nora“ geschrieben. Sein Stück erzählt von verschiedenen Szenen in Noras Leben. Von einer jungen Frau, die ihre Träume nicht verwirklichen konnte. Weder in der Heimat Syrien noch in Europa, wohin sie nach vielen Zweifeln doch gegangen ist.

Beim Boat People Projekt hat „Nora“ jetzt Uraufführung. Die künstlerische Leitung haben drei junge Theatermacher, die in Damaskus zusammen studiert haben: Neben Regisseur Talhouq sind das die Dramaturgin Kauothar Hiba Slimani und Wessam Darwaesh, der für die Ausstattung zuständig ist. Sie alle haben Syrien verlassen, Talhouq 2015, Slimani vor acht Monaten, Darwaesh lebt in Stockholm. So stelle er sich Diversität im Theater vor, sagt Reimar de la Chevallerie vom Boat People Projekt. Ein komplettes arabischen Regieteam, das seine Inszenierung auch so besetzt, wie es will.

Ein spannendes Experiment

„Was sollte alles drin sein?“ Die Probenrunde diskutiert weiter. In der Szene erzählt der Vater (Lindner) Nora (Music), dass er einen alten Freund in Dubai gefragt habe, ob er ihr dort einen Job besorgen kann. Mutter und Tochter sind erstaunt. Für das Gespräch zwischen Eltern und Tochter sind Talhouq drei Haltungen wichtig: Die Familie ist sich einig; Nora soll das Land verlassen; sie soll selbst entscheiden. Wie das am besten rübergebracht wird, wird verhandelt.

Szene aus Nora mit Jasmina Music und Johannes Meier Quelle: REIMAR DE LA CHEVALLERIE

„Es ist immer noch ein Experiment“ sagt Slimani. Sie diskutieren viel über Sprache, manches ist im Arabischen anders gemeint, für den kulturellen Hintergrund müssen die richtigen Worte gefunden werden. Der Text, professionell übersetzt von Christopher-Fares Köhler, erzählt etwas. „Wir wollen auch noch etwas“, sagt Talhouq. Nach ein bis zwei Wochen Probenarbeit hätten alle die gleiche Idee von dem Stück gehabt, so der Regisseur.

„Wir wollen kein Label für Menschen“

Diese Mehrdeutigkeit sei spannend, sagt Schauspieler Johannes Meier. Es sei ein gemeinsamer Weg das Stück auf die Bühne zu bringen. Aber auch ein langer anstrengender Arbeitsprozess. Trotzdem wollten Tahouq und sein Team unbedingt deutsche Schauspieler. „Hätten wir die Rollen mit syrischen Schauspielern besetzt, hätte das Publikum eine bestimmte Erwartungshaltung“, sagt Slimani: „Jetzt kommen Geschichten über unglückliche Menschen.“

Hier solle es aber nicht um Flüchtlinge gehen. “Wir wollen kein Label für Menschen“, so Slimani. Natürlich trage jeder seine Erfahrungen, es sei unmöglich alles hinter sich zu lassen. Aber wir alle seien mehr als Flüchtlinge oder typische Deutsche. Das Publikum solle durch die deutschen Schauspieler eine Distanz haben, dann werde es mehr Nachdenken in das Stück stecken, so Slimani. Und hoffentlich das Menschliche sehen.

Effekte setzen, etwas bewegen

Für ihn gehe es darum, Unterschiede zu sehen, Stereotypen zu überwinden und Ideen zu teilen, sagt Talhouq. Dass wir so zusammen arbeiten, alle eingebunden, ohne Grenzen, sehr vertrauensvoll, sei ein Anfang, sagt Darwaesh. Es seien die kleinen Dinge, die helfen Effekte zu setzen und etwas zu bewegen.

„Es ist doch egal, wo sie hingeht, Hauptsache, sie ist sicher.“ Die Lösung für den sperrigen Satz ist gefunden. Noch einmal durchspielen, „Ok!“ Talhouq ist zufrieden, nur ein paar Kleinigkeiten noch „Warte nicht hier, mach irgendetwas“ fordert er von Aeschlimann, die Noras Mutter spielt. Dann ist erstmal Probenpause.

Die Premiere von „Nora“ beginnt am Sonnabend, 23.Juni um 19.30 Uhr im Theater im ehemaligen IWF, Nonnenstieg, 72. Weitere Vorstellungen: 24., 25., 26.Juni jeweils 19.30 Uhr.

Von Christiane Böhm

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