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Regional Punktsieg für den Teufel
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17:48 10.09.2017
Urfaust im Jungen Theater: Ballermann-Spektakel statt Auerbachs Keller-Gedeck: Szene mit Peter Christoph Grünberg, Franziska Lather, Agnes Giese, Ole Pampuch und Karsten Zinser (von links). Quelle: r
Göttingen

Jede Zeit hat ihre Assoziationen, jeder Regisseur seine Interpretationen von Theaterstücken. Und der Pakt des Gelehrten Faust mit dem Teufel Mephistopheles, der das Lebensthema von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war, ist ein Evergreen mit immer neuer Sicht auf die Dinge – je nachdem, was das Weltgeschehen just zu bieten hat.

Derzeit kommt einiges zusammen. Im Jungen Theater erscheint auf der Leinwand mit silbrig-ledriger Haut und goldenen Lippen als Erdgeist Jan Reinartz. In seinem Hintergrund die Bilder von apokalyptischen Szenen: Atombombenexplosionen, Überschwemmungen, Dürre, Kriegsgerät und Müllberge - „der Menschheit ganzer Jammer“. Der stellt sich für Faust am Ende im Anblick seiner geliebten Margarethe dar. Seinetwegen ist sie unglücklich und wahnsinnig geworden, seinetwegen stirbt sie.

Regisseur Dietrich hat seinen Blick auf Goethes „Urfaust“ mit Attributen der Gegenwart gespickt, aber nicht überfrachtet. Gut gestrafft geht der Klassiker in 105 Minuten und ohne Pause über die Bühne.

Weltfremd und herausfordernd kommt auch Karsten Zinser als schlaksiger Faust nicht voran: an der Wissenschaft verzweifelnd und gegenüber den Mitmenschen überheblich. Zinser spielt überzeugend den Getriebenen, der blindlings in die Gefahr rennt, stürmt, drängt. Fordernd stellt er sich dem Teufel gegenüber, der mal verzweifelt, mal berechnend sein Spiel treibt: Teuflisch gut im Lammfellmantel und in Schlangenleder-Schnürern ist Peter Christoph Grünberg der ansehnliche Lucifer. Seine teuflischen Gesten, sein schmierig exaltiertes Gehabe sind absolut sehenswert.

So wie Dietrich auf den Punkt inszenierte, hat Susanne Ruppert für Bühnenbild und Kostüme auf Allzweckmittel wie Kanister, die Mauern, Möbel, Hexentanzplatz oder Altar sind, gesetzt und die Charaktere so unterschiedlich wie passend kostümiert. So trifft der mit Rollenkoffer und im Dreiteiler mit dem Teufel auf Reisen gehende Faust auf feiernde Ballermänner (Franziska Lather, Agnes Giese und Ole Pampuch geben die weiteren Figuren, die eine Faust-Inszenierung braucht). Und so reist der Faust von heute durch die Welt, weit weg von Auerbachs Keller in Leipzig, den einst Goethe bemühte.

Das Gretchen bleibt unschuldig anzusehen wie eh und je: Katharina Brehl ist sittsam und keck, verzweifelt und wahnsinnig. Wandlungsfähig wie ihr vom Teufel beeinflusstes Schicksal stellt Brehl vom unschuldigen Mädchen im Kittel bis zur geläuterten jungen Frau an der Kerkerkette all das dar.

Faust (Karsten Zinser) und Margarethe (Katharina Brehl). Quelle: r

Erkenntnisse, die zeitlos sind, machen das Faust-Thema so faszinierend. Seit dem 16. Jahrhundert macht die Geschichte vom Zauberer Faust von sich reden. Seit Goethe sie neu schrieb in der Zeit von 1772 bis 1774 – die erste Fassung wird „Urfaust“ genannt - wurde die Faust-Dichtung noch bekannter.

Dabei stellte der junge Goethe im Urfaust noch die Liebestragödie in den Mittelpunkt. Das gibt auch heute noch etwas her. Und dazu die Debatte um die Religion, die gerade in Zeiten religiöser Eiferer aktuell ist. Und erinnert es nicht an teuflische Pläne, dass derzeit große Herrscher mit kleinem Geist mit ihrem Machtpoker gefährlich reizen? Auch die Figur des Faust hat sich nicht gefragt, wohin die Abmachung noch auf Erden führen wird. Sein Pakt mit dem Teufel ist eine Schussfahrt ins Verhängnis. Zu spät erkennt er nach ausschweifenden Orgien und durchschaubaren Ablenkungsmanövern deren teuflisches Ziel und die Endstation. Bis die erreicht ist, kombiniert die Inszenierung von Nico Dietrich im Jungen Theater den Text des altbewährten Dramas mit sehenswertem Schauspiel. Am Premierenabend erhielten Schauspieler und Regisseur dafür minutenlangen Applaus.

Weitere Vorstellungen von „Urfaust“ im Jungen Theater, Hospitalstraße 6, in Göttingen um 20 Uhr am 12., 22., und 30. September. Eintrittskarten sind an der Theaterkasse (0551/ 495015) und in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt, erhältlich.

Dank an den Förderverein

Nico Dietrich, seit drei Jahren Intendant des Jungen Theaters, hat am Sonnabend nach der Premiere von „Urfaust“ zur Eröffnung der Spielzeit 2017/18 auf die Wahl des Stückes hingewiesen. Damit kam vor 60 Jahren die erste Inszenierung des Jungen Theaters auf die Bühne – damals noch in der Weender Straße 11. Dietrich wies auf die wechselvolle Geschichte des Theaters, dessen Existenz einige Male bedroht war, hin. Dass es gut durch die Zeiten gekommen sei, verdanke das Junge Theater auch seinem engagierten Förderverein, betonte Dietrich und nannte die Fördervereinsmitglieder Elke Bartussek und Tina Fibiger.

Von Angela Brünjes

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