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Geschäftemacherei mit dem Familienleben

Deutsches Theater Göttingen Geschäftemacherei mit dem Familienleben

„Vereinte Nationen“ hat als Theaterstück nicht den Weltfrieden zum Ziel, sondern dreht sich um abscheuliche Geschäftemacherei mit dem Familienleben. Am Deutschen Theater Göttingen hatte die Inszenierung von Matthias Kaschig am Freitag Premiere im DT-2.

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Mal schaut die Mutter weg, mal der Vater: Szene aus „Vereinte Nationen“ mit Christina Jung, Emma Menssen und Marco Matthes.

Quelle: r

Göttingen. Was für eine Quälerei! Das Essen, die Standpauke, die unangenehme Willkür des Vaters und die trotzköpfige Hilflosigkeit der Tochter eröffnen das Schauspiel. Dass die qualvolle Prozedur fürs Mädchen früher endet als angekündigt, wenn die breiige Mahlzeit verspeist ist, liegt am schwächelnden Vater. Dem schlagen mehr und mehr die Zweifel an seinen Erziehungsmaßnahmen auf den Magen.

In dem Schauspiel von Clemens J. Setz „Vereinte Nationen“ geht es um familiäre Privatheit, die die Eltern Karin und Anton preisgeben und damit gewissermaßen ihre Tochter Martina verkaufen. Sie haben sich auf ein einträgliches Geschäft eingelassen: sie filmen Erziehungsszenen. Ihre Tochter (Vera Roddatis spielte mal ängstlich, mal keck das kleine Mädchen in der Premiere) weiß davon nichts.

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Premiere am Deutschen Theater in Göttingen am 29. September 2017

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In dem gut 80-minütigem Spiel loten Christina Jung als Karin und Marco Matthes als Anton die Grenzen aus. Sie sind das Paar, das nur seinen Nutzen sieht und alles rechtfertigt, was das Geschäftsmodell sichert. Ihr Kind ist zum Mittel zum Zweck degradiert; es kommt vor, wenn es gebraucht wird.

Matthes bringt als Anton seine Zweifel anfangs noch deutlich vor. Sein Freund Oskar (geschäftstüchtig und undurchsichtig gegeben von Nikolaus Kühn) fordert für die zahlenden Abnehmer immer neue Vater-Tochter-Szenen. Matthes überzeugt mit seinen kurzen Anwandlungen als liebevoller Vater, als zweifelnder Geschäftspartner und höriger Ehemann.

Handeln ohne Wenn und Aber

Als Ehefrau stellt Christina Jung Forderungen, um ihr Geltungsbedürfnis zu befriedigen und den Wohlstand der Familie zu mehren. Die Ehepartner diskutieren lebhaft und setzen sich handgreiflich auseinander, um ihr Ziel zu verfolgen. Am Ende sind sie als Hausbesitzer in schicker Abendgarderobe unterwegs statt in Freizeitklamotten, die sie noch trugen in der Mietwohnung.

Regisseur Matthias Kaschig lässt die Darsteller zweifeln, aber schließlich doch ohne Wenn und Aber handeln. Denn keiner stoppt das Unternehmen, niemand sagt Nein. Was passiert, wenn das Handeln nur Bedürfnisse erfüllt, wenn es keinen Maßstab für Richtig und Falsch gibt, wenn niemand da ist, der in Frage stellt und der sich in Frage stellen lässt?

Quälende Fragen

Kaschigs Blick auf den Stoff von Clemens J. Setz ist quälend. Der Regisseur lässt viel offen, indem er das Publikum mit einem Tun konfrontiert, das abscheulich ist, aber noch schrecklicher werden kann. Was führt dazu, was bedeutet der ängstliche Monolog des Vaters am Ende für die Familie, vor allem für das Kind? „Vereinte Nationen“, ein vom Vater in einer Erziehungsszene gewähltes Bild, wirft quälende Fragen auf. Die Inszenierung vor einer kalten blauen Wand und mit multifunktionaler Polstermöblierung (Bühne und Kostüme von Jürgen Höth) lässt nicht kalt. Denn die Antworten, die sich jeder Zuschauer auf die quälenden Fragen selbst geben muss, sind keine einfachen.

Nächste Vorstellungen im Deutschen Theater in Göttingen, Theaterplatz 11, um 20 Uhr im DT-2 am 6., 12. und 23. Oktober, am 2. und 17. November. Eintrittskarten sind in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt, sowie unter tickets.goettinger-tageblatt.de erhältlich. DT: 0551 / 4969-300 und dt-goettingen.de

Von Angela Brünjes

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