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Verfasst im rauschhaften Schreiben

Lesung Verfasst im rauschhaften Schreiben

Es ist ulkig: Sie können mich alle sehen, ich sehe aber niemanden“, beschreibt Kathrin Schmidt ihren Standort auf der Bühne vor den Reihen von besetzten Kinosesseln im Sterntheater in Göttingen.

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Blickt in ihrem Roman zurück auf ihre Koma-Erfahrungen: Literaturpreisträgerin Kathrin Schmidt.

Quelle: Theodoro da Silva

Nicht für einen Film sind die rund 220 Menschen gekommen, sondern für die vom Literarischen Zentrum organisierte Lesung von Schmidt. Für ihren Roman „Du stirbst nicht“ wurde der Schriftstellerin derdiesjährige deutsche Buchpreis verliehen.
Schmidts Roman erzählt die Geschichte der Schriftstellerin Helene, die nach einem Schlaganfall aus einem Koma erwacht und sich Stück für Stück ihr Leben davor zurückerobern muss. Nichts funktioniert mehr: Wörter fallen ihr nicht ein, sprechen kann sie nicht, ihre rechte Körperhälfte ist gelähmt, die linke schwach. Helene ist nicht mehr Herrin ihrer selbst und auf Pflegepersonal angewiesen.

Auch die Erinnerungen an das Leben zuvor kommen ihr nur langsam ins Gedächtnis: Dass beispielsweise die jungen Männer an ihrem Bett ihre Söhne sind, fällt ihr erst nach einiger Zeit ein. Auch die Beziehung zu ihrem sie liebevoll pflegenden Ehemann Mattis scheint rätselhaft. Wollte sie ihn am Tag des Schlaganfalls verlassen? Helene arbeitet an ihren Erinnerungen wie an ihrem Körper.

Autobiographischer Faktor

2002 erlitt Schmidt selbst einen Schlaganfall, wurde operiert und ins künstliche Koma versetzt . Sie musste wie Helene ihre Sprache und ihr altes Leben erst wiederfinden. Das Buch habe aber lediglich einen „autobiographischen Faktor“, erklärt die Autorin.

Anfangs versteht kaum einer der Zuhörer, was Schmidt sagt. Doch diesmal liegt es nicht an einem Schlaganfall und der darauffolgenden Sprachlosigkeit, medizinisch Aphasie genannt. Hier ist der Grund profan: Ihr Mikrophon funktioniert nicht.Schmidt wirkt amüsiert, lächelt, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie wirkt, als sei sie bei sich angekommen. Nachdem der Sprachverstärker ausgetauscht ist, erklingt ihre Stimme deutlich.

Nur knapp 30 Seiten des mehr als 300 Seiten langen Romans seien autobiographisch, erklärt sie. Diese habe sie über ihre Erfahrungen nach dem Schlaganfall aufgeschrieben und einer Freundin geschickt. „Sie sagte mir: Mach die erste Seite zur letzten und bau die Handlung aus.“ Schmidt hielt sich an den Ratschlag und verfiel in ein „rauschhaftes Schreiben“. Sie wählt eine der Situation der Kranken angemessene, anfangs rudimentäre, später – einhergehend mit der Genesung – umfangreicheren Wortschatz.

Auf die Fragen von Literaturwissenschaftler Torsten Hoffmann antwortet Schmidt besonnen, gleichzeitig verrät ihre Mimik immer wieder Amüsiertheit. Besonders seinen mehrmaligen Versuchen, ihren Roman wissenschaftlich zu deuten, weicht sie aus, indem sie erklärt, dass sie ihr Geschriebenes „später literaturwissenschaftlich nicht erklären kann“. Überrascht sei sie vom Erfolg des Buches, denn „meine früheren Romane sind oft verrissen worden,“ erzählt sie und lacht.

Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht. Kiepenheuer & Witsch 2009, 347 Seiten, 19,95 Euro.

Von Corinna Berghahn

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