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„Verrücktes Blut“ mit dem Jungen Schauspiel des Deutschen Theaters

Premiere „Verrücktes Blut“ mit dem Jungen Schauspiel des Deutschen Theaters

Was Schule so alles sein kann, zumindest, wenn man Schule spielt, das erlebte das überwiegend junge Publikum nun bei der Premiere von „Verrücktes Blut“ in den Räumen der alten Voigt-Realschule in Göttingen. „Verrücktes Blut“ – empfohlen für Jugendliche ab 15 Jahren – ist bereits die zweite Produktion des Deutschen Theaters in dem alten Schulgemäuer.

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Es geht hoch her: Kathrin Müller-Grüß, Norman Grüß, Fabian Baumgarten, Ali Berber, Benjamin Nowitzky, Andreas Schneider, Florence Adjidome (v. l.).

Quelle: Opitz

Göttingen. Die Räume sind nicht schön, aber zweckmäßig ausgestattet. Die Bühne ist die alte Schulaula, die Hauptrequisiten sind alte Plastikstühle, die gestapelt, aufgetürmt, geworfen werden. Es geht hoch her in der Inszenierung von Nico Dietrich.

Darsteller Ali Berber (diabolisch und gut als Musa) absolviert die Premiere schon jetzt mit einer gebrochenen Hand, ein Probenunfall. In dieser Inszenierung fliegen nicht nur Stühle und Fäuste , sondern auch derbe Beschimpfungen durch die Luft, „du Muschi, du Schlampe“, schließlich tritt der engagierte Lehrkörper mit dem wohlbekannten Stapel gelber ReclamHeftchen ein.

Frau Kelich (großartig wandlungsfähig: Gaby Dey) möchte mit der Theater-AG am Beispiel von Schillers „Kabale und Liebe“ und „Die Räuber“ den Freiheitsbegriff des Sturm und Drang erarbeiten.

Nichts liegt diesen Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund ferner. Frau Kelich wirkt so zunächst herrlich deplatziert mit ihren Ausführungen über Schillers „Ästhetische Erziehung“, während im Klassenzimmer wie üblich lautstark gepöbelt wird.

Während das Blut weiter fließt

Aber plötzlich kehren sich die Machtverhältnisse um, denn der Lehrerin fällt die Waffe eines Schülers in die Hand. „Ihr haltet jetzt alle mal die Fresse“ schreit die Pädagogin und schießt. Es funktioniert, Frau Kelich setzt sich triumphierend lächelnd hin und kann nun endlich ihren Unterricht durchführen, in dem sie zu sehr ungewöhnlichen Unterrichtsmethoden greift.

Während das Blut im Klassenzimmer weiterhin fließt, werden die Texte Schillers unter den Drohungen der Lehrerin immer mehr zu den Texten der Jugendlichen.

Verstörende und doch wahnsinnig ergreifende und kraftvolle Momente entstehen auf diese Weise, plötzlich wird das Menschliche der Jugendlichen sichtbar, ihre Ängste und Defizite, aber auch ihr enormes Potential, frei nach dem schillerschen Ideal des Selbstbildungsprozesses im Spiel.

Der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spiele, aber diese erhellenden Augenblicke währen nur kurz, finden sinnbildlich im schalldichten Raum der Schulaula statt.

Die vor Energie und (Wort-)Gewalt strotzende Inszenierung hält das Publikum mit krassen Wendungen und eindringlichem Spiel gute 90 Minuten in Atem und stellt den optimistischen Glauben an eine einfache Realisierung von Integrationsprozessen in unserem Land infrage.

Von Marie Varela

Nächste Termine: 20. und 28. März um 20 Uhr in der Aula der Voigtschule, Bürgerstraße 15. Der für den 14. März angekündigte Termin fällt aus. Kartentelefon: 05 51 /49 69 11.
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