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Viele Grausamkeiten unter Zuckerguss

Michael Maar im Literarischen Zentrum Viele Grausamkeiten unter Zuckerguss

Auf dem Göttinger Weihnachtsmarkt steht zur Zeit ein kleines, dem Grimmschen Märchen „Hänsel und Gretel“ nachempfundenes Hexenhäuschen. Seine Türhöhe schließt das Betreten durch Erwachsene aus. Hexenhäuschen und Märchen, das ist ja auch was für Kinder, so die viel vertretene Meinung.

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Grausames Thema mit vergnüglichen Seiten: Autor Maar (rechts) im Gespräch mit Verleger Berenberg über Märchen.

Quelle: Vetter

Göttingen. Für so manchen sind Märchen gar Kinderkram. Wenn man aber die Deutungen des Literaturkritikers und Autors Michael Maar zu „Hänsel und Gretel“ hört, bleibt einem der Lebkuchen geradezu im Halse stecken, und man möchte seinen Kindern von nun an kein Märchen weniger gerne vorlesen als dieses.

Maar enthüllt in seiner Lesung aus seinem Essay „Hexengewisper. Warum Märchen unsterblich sind“ und im Gespräch mit seinem Verleger Heinrich von Berenberg so manches über die literarische Gattung des Märchens. Vor allem geht er der Frage nach, warum Märchen so überlebensfähig sind, denn immerhin ist es 200 Jahre her, dass die Hausmärchen der Brüder Grimm erstmals erschienen sind. Weder Autor noch Verleger sollen an dieses Jubiläum gedacht haben, als die Entscheidung zu dem Essay fiel – kaum zu glauben.

Maar erläutert, dass Märchen zum einen den naiven Zugang offen hielten – sozusagen die kleine Tür des Hexenhäuschens – unter der mit Lebkuchen und Zuckerguss verzierten Oberfläche verbergen sich aber zum anderen historische traumatische Menschheitserfahrungen, die Maar als „Glutkerne“ bezeichnet. Geschehnisse, von denen man nicht erzählen kann, so unerträglich heiß, so grausam seien sie.

„Das Schlimmste aber ist das, wovon nicht gesprochen werden kann“, so Maar, deswegen hätten die Menschen durch das Märchen eine Form gefunden, um zum Beispiel über Kindskannibalismus während der Hungerkatastrophe im 30-jährigen Krieg zu sprechen. Erschreckend plausibel entlarvt Maar so die Mutter und die Hexe in „Hänsel und Gretel“ als ein und dieselbe Person und stellt fest: „Es ist Feuer, manchmal Höllenfeuer, aus dem die Märchen kommen.“

Maar gewinnt der Gattung in dem süffig zu lesenden Essay aber auch Vergnügliches ab und erntet bei den zahlreichen Zuhörern an diesem Abend so einige Lacher. Wie könne es sein, das „Dornröschens dumme Eltern“ ihre Tochter gerade am kritischen Tage des 15. Geburtstag allein ließen. Und warum öffne Schneewittchen („keine Tochter Einsteins“, spottet der Autor) dreimal der gleichen Krämerin, von der sie niemals etwas Gutes erfahre? Noch immer gebe es viele Rätsel und Geheimnisse um dieses „bizarre Genre“.

Von Marie Varela

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