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Vom Biedermeierzimmer in den Stahlkäfig

„Die Verwandlung“ Vom Biedermeierzimmer in den Stahlkäfig

In seinem wohnlich eingerichteten Zimmer, mit roten, samtenen Vorhängen an den Wänden liegt Gregor Samsa eines Morgens auf dem Rücken in seinem Bett. Alle Viere von sich gestreckt, wild zappelnd, versucht er sich auf die Seite zu wälzen – vergeblich! Dumpfe Gongschläge ertönen und lassen Schreckliches erahnen. Plötzlich Gregors Erkenntnis: Er ist zu einem Ungeziefer mutiert!

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Gregor (Norman Grüß), Schwester (Kathrin Müller Grüß), Mutter (Imme Beccard).

Quelle: Winarsch

Joachim von Burchards Inszenierung von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ – Standardwerk des Schulunterrichts – lockt vor allem Schüler zur Premiere ins Studio des Deutschen Theaters und ist ebenso aufwühlend wie das Stück selbst. Im gemütlichen, mit Biedermeiermöbeln eingerichteten Wohnzimmer versucht Gregors Familie, die Tragödie zu verdrängen und den Alltag zurückzugewinnen. „Das Ungeziefer“ verstößt sie aus Angst und Abscheu weitestgehend aus ihrem Leben.

Gregor – gespielt von Norman Grüß – verkriecht sich in seinem Zimmer, wo er langsam vor sich hinvegetiert. Als seine Schwester (Kathrin Müller-Grüß) das Zimmer in einen Käfig verwandelt – durch metallene Gitterstäbe veranschaulicht – und Gregor damit vollends entmenschlicht, versucht dieser zu entfliehen. Doch der herrische Vater, den Meinolf Steiner überzeugend darstellt, bewirft ihn mit Äpfeln, verwundet ihn und scheucht ihn zurück ins Zimmer.

Eine grausame Szene, die berührt. Die stets adrett gekleidete Mutter fügt sich dem Schicksal und den Wünschen ihres Ehemannes widerstandslos. Imme    Beccard glänzt in der Rolle, die im Stillen zwischen Gewissensbissen, Gehorsam und der Hoffnung auf ein einfaches Leben hin und her gerissen scheint.

Aber nicht nur die Darsteller machen das Stück, unter der Dramaturgie von Nicola Bongard, zu einem ergreifenden Erlebnis. Auch die Klangkompositionen verleihen den dramatischen Höhepunkten eine bedrohliche Stimmung. Der metallene Käfig – mit Saiten und Gong versehen – dient dabei als vielseitig einsetzbarer Klangkörper. 

Die gut durchdachte Inszenierung verdeutlicht Gefühle wie Angst, Ignoranz, Intoleranz, Abscheu, Schuld und Einsamkeit auf verschiedene Weise – durch überzeugendes Schauspiel, symbolische Bühnenbilder und kreative Klanguntermalung. Bewegend und sehenswert!

Von Noreen Hirschfeld

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