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Vom Bruderkrieg in den fröhlichen Hippie-Wald

Junges Theater: Shakespeares „Wie es euch gefällt“ Vom Bruderkrieg in den fröhlichen Hippie-Wald

Shakespeare ist nach wie vor angesagt. Regelmäßig eröffnet das Deutsche Theater Göttingen seine Spielzeit mit der Inszenierung eines seiner Klassiker. Im Staatstheater Kassel steht Shakespeare diesmal früh auf dem Spielplan. Und das Junge Theater (JT) Göttingen ist am Donnerstag mit „Wie es euch gefällt“ in die Saison gestartet.

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Zwei Neue im Ensemble: Sascha Werginz als liebender Orlando und Constanze Passin als Rosalinde als Mann verkleidet.

Quelle: Eulig

Göttingen. Regie hat Intendant Andreas Döring geführt, der im Vorfeld schon ankündigte: „Eigentlich sind es zwei Stücke.“

Finster

Finster geht es zu am Hofe von Herzog Frederick. Er hat den rechtmäßigen Herrscher, seinen Bruder, in die Verbannung gejagt und herrscht nun mit eiserner Hand. Seine Nichte Rosalinde duldet er erst in seinem Reich, dann treibt er auch sie in die Verbannung. Mit ihr geht seine Tochter Celia, die Rosalinde verehrt. Auch der junge Orlando muss fliehen, weil er von seinem ältesten Bruder erst um sein Erbe betrogen und dann mit dem Tod bedroht wird. Vorher allerdings tötet er in einem Schaukampf den besten Ringer des bösen Herzogs.

Blut fließt hier, doch nicht auf der Bühne. Das ist auch nicht notwendig, weil Döring und Axel Theune ein Bühnenbild entworfen haben, die an Endzeit-Thriller wie „Mad Max“ oder John Carpenters „Die Klapperschlange“ erinnert. In einem meterhohen Gitterrondell prügeln die Kämpfer auf einander ein. Kaltes Licht lässt die Stimmung gefrieren, wenn der finstere Oliver seinen Bruder Orlando bedroht oder der Herzog seine Macht demonstriert. Atmosphärisch dicht hat Döring dies inszeniert.

Die düstere Szenerie ist unterlegt mit Musik von Tom Waits, jenem Sänger mit einer Stimme, mit der er kleine Kinder erschrecken und Kampfhunde in die Flucht schlagen kann. Und das wir zu einem kleinen Problem. Denn die singenden Schauspieler orientieren sich hier zu sehr an Waits, was nicht funktionieren kann. Denn dessen Organ ist nicht zu kopieren. Wer’s dennoch versucht, schreddert seine Stimmbänder. 

Besonders spielfreudig

Besser funktioniert der Gesang im zweiten Teil oder dem laut Döring zweiten Stück. Hier treffen die Flüchtlinge, Rosalinde als junger Mann verkleidet, auf eine fröhlich-dekadente Schar von Menschen zwischen Althippie und Schlampe, zwischen Ausschweifung und Beziehungskrise. Die Musik wird fröhlicher, jetzt kommt sie von Sting, Amy Winehouse oder Jeff Buckley. Das Ensemble zeigt sich ausgesprochen musikalisch und – zum Spielzeitbeginn vielleicht nicht ganz ungewöhnlich – besonders spielfreudig. Lustvoll streiten sie, versöhnen sich, himmeln an und stoßen ab, verkleiden und entkleiden sich.

Getragen wird der Abend von bemerkenswerten Schauspielern, darunter auch einige der Akteure wie Constanze Passin und Elisabeth-Marie Leistikow, für die es der erste Auftritt im JT war. Passin ist die verzweifelte Tochter des vertriebenen Herzogs, die Liebende ohne Hoffnung, die Schnodderige, wenn sie als Mann verkleidet die Nähe von Orlando sucht – viele Gefühlswelten, viel Gelegenheit, ihr Potenzial zu präsentieren. Und die hat sie beeindruckend genutzt. Mit ihr bildet Leistikow als schwärmerische Freundin Celia in dieser Inszenierung ein wunderbar harmonierendes Gespann. Dirk Böther zeigt sich als verbrecherischer Herrscher ein wenig zu klischeehaft knallhart, als verbannter Herzog allerdings großartig lakonisch und immer präsent. Gintas Jocius gibt seinen klugen Lord Jacques köstlich komödiantisch bis anrührend melancholisch. Eine Paraderolle, die Gintas und Regisseur Döring haarscharf bis an die Grenze zum Klamauk getrieben haben. Jocius’ Pendant ist Jan Reinartz, der seinem Narren Probstein viel philosophischen Witz mitgibt.

Erstaunlich blass

Neuzugang Philip Leenders ist als Silvius ganz zauberhaft verliebt, hübsch bauernschlau und manchmal auch herrlich tumb. Das zeigt er ganz fein mit kleiner Geste. Die fehlt diesmal Henrike Richters als prollige Schickse Le Beau etwas, weil sie mit ihrer Art zu spielen dicht an anderen Rollen der vergangenen Spielzeiten bleibt. Neben vielen schauspielerischen Glanzlichtern bleibt Sascha Werginz, ebenfalls erst seit dieser Spielzeit im Ensemble, in seiner Rolle als liebender Orlando erstaunlich blass.

Dass der Einstieg in die Spielzeit letztlich spektakulär gelingt, liegt auch an einem, der sich weitgehend im Hintergrund hält: Nermin Aljisani zeichnet gemeinsam mit Leenders, Böther und der Sängerin Tiana KruŠkić für die Musik verantwortlich, sitzt die Spielzeit von 145 Minuten an seinem E-Piano und macht einen dort einen hervorragenden Job.

Die nächsten Vorstellungen: 18., 22., 27. und 29. September sowie am 3., 9., 12., 18., 27. und 30. Oktober um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon: 05 51 / 49 50 15

Das Junge Theater meldet sich zurück aus der Spielzeitpause. Hier sehen Sie Bilder von "Wie es Euch gefällt" von William Shakespeare, der ersten Premiere der Spielzeit (13. September).

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