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Vom Extremschmusen und Ausdauerstreicheln

Kabarett im Göttinger Apex Vom Extremschmusen und Ausdauerstreicheln

Er steht stets etwas schlaksig da, mit locker schwingenden Armen, so als wolle er die Pointen aus dem Ärmel schütteln. Beim Lächeln (auch über die eigenen Witze) verzieht er gern den Mund etwas schräg zur rechten Seite, aber Symmetrie ist ja ohnehin nicht die Haupteigenschaft eines Kabarettisten. Schräg soll er sein, so will es das Publikum.

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Peter Vollmer.

Quelle: EF

Und darin ist Peter Vollmer, am Montag zu Gast beim Apex-Kabarett-Gipfel zwischen den Jahren, gut geübt. In seinem Programm „Wenn Männer zu sehr 40 werden“ erzählt er ausgiebig von privaten Dingen, berichtet von Gewohnheiten, die nicht mehr so recht funktionieren wollen, es sei denn, man dopt sich mit einem Testosteron-Plaster. Sein Fitness-Programm wird zu Nordic Walking („Nordic heißt nervig“) verlangsamt und später über „Nordic Standing“ zu „betreutem Liegen“ fortgeführt. Wer dies tut, kann alt werden, vielleicht so alt wie Johannes Heesters, „die Galapagos-Schildkröte der Fernsehunterhaltung“.

Vollmers Ausflüge ins Politische bleiben – zumindest in diesem Programm – etwas nichtssagend. Dass in Berlin der „Club der kleinen Lichter“ tagt und die Regierungsmitglieder vor allem als „Debattendarsteller“ agieren, ist nicht übermäßig spitzzüngig.

Doch dann, wenn Vollmer aus der Realität ausbricht und hemmungslos ins Absurde abtaucht, dann kann sein Solo schon ziemlich viel Spaß machen. Dann verzeiht man ihm auch (mit leichtem Unwillen) seine ziemlich häufigen Ausflüge unter die Gürtellinie, sein Kokettieren mit dem Tabubruch: Wenn er da nur auf den Reiz verbotener Wörter und augenzwinkernder Anzüglichkeiten spekuliert, kann die Lach-Lautstärke seines ihm ansonsten sehr gewogenen Publikums auch mal eine Weile geringer werden.

Doch so hübsche Ideen wie die Disziplinen „Extremschmusen“ und „Ausdauerstreicheln“ als Ersatzerotik für älter Gewordene wecken schon zärtlichere Gefühle für den Kabarettisten. Vor allem sein wunderschönes Finale mit veräppelten populären Liedern, die allesamt auf aktuelle Wehwehchen und medizinische Probleme umgedichtet sind, bereitet geradezu hemmungsloses Vergnügen (und zeigt obendrein Vollmers musikalische Kompetenz an der Gitarre). Hier war zudem die Pointendichte so hoch, dass kaum Zeit fürs Luftholen zwischendurch blieb: Solches Timing hätte ein paar Längen vor allem in der ersten Hälfte des Abends vermeiden helfen.

Michael Schäfer

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