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Vom Herrscher zum fliehenden Verbrecher

Premiere Vom Herrscher zum fliehenden Verbrecher

Wer hat Angst vor Kaiser Jones? Keiner. Der Herrscher sitzt in seinem Palast und phantasiert. Der irisch-amerikanischen Literaturnobelpreisträger Eugene O’Neill hat das Stück „Kaiser Jones“ 1920 geschrieben. Klaus-Ingo Pißowotzki inszenierte es am studentischen Theater im OP in Göttingen. Die Premiere am Mittwochabend war mit 115Besuchern gut besucht.  

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In seiner Wahnwelt: Kaiser Jones (Thomas Rühling) mit dem Aufseher mit Peitsche (Corvin Bürsing) und den Gefangenen (Yannick Morawa, Laura Potthoff und Julia Bastian, von links).

Quelle: Opitz

Der Kaiser isst im Liegen ein paar Trauben und wiegt sich in Sicherheit. Seine Phantasien scheinen zu Beginn noch ganz plausibel. Der Palast sei nur leer, weil die Untergebenen sich im Garten ausruhen, meint er. Im Dialog mit Mr. Smithers zeigt er sich selbstsicher, fast überheblich. Er habe eben Glück gehabt, Gesetze erlassen und brechen zu können.

In der Rolle des Kaisers ist Thomas Rühling schick im Anzug. Wie ein Banker mit Schlips und Kragen. Doch eigentlich ist er ein Krimineller und Mörder. Mr. Smithers, gespielt von Tobias Wojcik, ist sichtlich genervt von der Überheblichkeit seines Gegenübers. Die Rolle des Verlierers spielt er überzeugend.

Dann kippt die Situation. Der Kaiser fragt sich, „Warum sind hier keine Weiber? Wein und Gesang?“. Und Smithers gibt prompt die Antwort: Die Macht des Kaisers ist am Ende. 

Auf die westindische Insel war er geflohen. Als Mörder verurteilt, befreite er sich aus einem Gefängnis in den Vereinigten Staaten. Er versucht noch, die Realität zu verdrängen, klingelt mit einem Glöckchen und wartet darauf, dass die Dienstboten gleich kommen. Doch niemand erscheint.

Jetzt setzen die bedrohlichen Trommelrhythmen der unterdrückten Einheimischen ein, und der Kaiser schmeißt den Kaiserjob. Er schnappt sich zwei Koffer und will aus dem Palast fliehen. Dann lässt er sogar die Koffer stehen. Wasserflasche und Sonnenhut reichen aus. „So long, Krüppel“, verabschiedet er sich von Mr. Smithers und macht sich auf den Weg. 

Auf der Reise durch den Wald, begegnen ihm seltsame Gestalten. Drei flüsternde Figuren in schwarzen Anzügen und mit weiß geschminkten Gesichtern, sein alter Freund Jeff, den er erschossen hat und der nun wieder auftaucht. Ein Mann mit Peitsche, und drei Weitere seiner Opfer. Und natürlich die unterdrückten Einheimischen. Kaiser Jones gerät unter Druck. Träumt er nur, oder sind die Gestalten real?

Das Spiel mit den Grenzen zwischen Realität und Wahn gelingt Regisseur Pißowotzki sehr gut. Unterstrichen vom andauernden Trommelrhythmus ist das Unbehagen ständig präsent. Und der Kampf des weißen Manne“ gegen die Wilden auf der westindischen Insel scheint am Ende verloren. Es gibt einen überraschenden Schluss. Und der selbsternannte Kaiser muss nicht mehr klagen: „Geht diese Nacht denn nie mehr zu Ende?“.

Weitere Vorstellungen: 2., 3., 6., 7., 9., 10., 13., 14., 16. und 17. November um 20.15 Uhr im Theater im OP, Käte-Hamburger-Weg 3 in Göttingen. Kartentelefon: 05 51 / 39 70 77.

Von Sara Söling

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