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Vom Plenum zielsicher ins Establishment

„Alle 16 Jahre im Sommer“ Vom Plenum zielsicher ins Establishment

Fußballbegeistert sind viele Menschen. Steht eine  Fußballweltmeisterschaft an, erfasst die Begeisterung nahezu jeden. Die Spiele der deutschen Mannschaft sind ein nationales Ereignis. Das bleibt im Gedächtnis und auch, was drumherum so los war.

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Sie sind die WG-Frauen: Anja Schreiber, Gaby Dey, Angelika Fornell und Nadine Nollau (v.l.).

Quelle: Müller

Göttingen. Theaterautor John von Düffel hat die Fußballweltmeisterschaften von 1974, 1990 und 2006 als Eckpunkte für „Alle 16 Jahre im Sommer“ genommen. Am Sonnabend hatte die „Trilogie des veränderten Lebens“ im Deutschen Theater Premiere.

Sie haben zu viert als Frauen-Wohngemeinschaft angefangen. Und nun hocken in der Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg drei Männer rum und auch drei Kinder haben hier ihr Zuhause. Herrlich gibt Gaby Dey die WG-Matrone Heidrun, die das Private zum Politischen macht, am liebsten im Plenum.

Als Heidruns Gegenpart Carlo kommt Gerd Zinck (sehr überzeugend)  nicht aus der Lederjacke und aus seiner Schuldenfalle heraus. Der Kommunist ist ein Macho wie sein konservativer Kumpel Jochen (Paul Wenning): Sie eint ihr Fußballinteresse und ihre Meinung über Frauen.

Was die Zeiten so hergeben an Möbel- und Kleidermoden, hat Gregor Müller in einem variablen Bühnenbild untergebracht. Regisseur Erich Sidler ist es gelungen, kaum ein  Klischee der jeweiligen Zeit auszulassen und doch zu vermeiden, dass Düffels Fußballsommer zur Klamotte verkommt. Ein unterhaltsamer Durchlauf der politischen Diskussionen und gesellschaftlichen Sitten im Wandel der Zeit.  

Auch die WG-Genossen gehen mit der Zeit. 1990 sind die ehemaligen WG-Räume längst das nobel eingerichtete Heim von Arzt Jochen und seiner Gattin Sabine. Die hat ihre Sucht im Griff und panische Angst, dass ihre 19-jährige Tochter das gleiche Schicksal erfährt. Angelika Fornell als Sabine ist die verzweifelte und zweifelnde Freundin und Ehefrau des karrierebewussten Jochen.

Sie wandelt sich großartig mit ihrer Rolle und lässt am Ende, es erscheint selbstbewusst, alles zurück, um mit ihrem argentinischen Liebhaber auf und davon zu gehen.

Anfangs, im Jahr 1974, fällt es schwer, manchem von der Maske auf jugendlich getrimmten Schauspieler seine Rolle abzunehmen. Den ambitionierten Kunststudenten Hans-Helge verkörpert Meinolf Steiner ebenso wenig wie Paul Wennig den Medizinstudenten Jochen oder Gaby Dey die Pädagogikstudentin Heidrun. Wenn sie in die Jahre gekommen sind, passt ihre jeweilige Rolle ihnen viel besser.

Da haben Anja Schreiber, Nadine Nollau und Andreas Schneider eher leichtes Spiel mit ihrer äußerlichen Wandlungsfähigkeit. Alle kriegen wunderbar die Kurve und landen sicher im Establishment der 1990er-Jahre, um wieder 16 Jahre später mit Enttäuschungen und Lügen des Lebens fertig zu werden und auch damit, dass Deutschland nicht alle 16 Jahre Fußballweltmeister wird.

„Alle 16 Jahre im Sommer“ ist ein flotter Spaßmacher, der beim Premierenpublikum bestens ankam und das Zeug zum Publikumsliebling hat. Vor allem bei denjenigen, die sich an den Boykott von Waren aus Chile um 1974 herum, an die Trabbi-Fluten und die Pro- und Contra-Diskussion über eine Wiedervereinigung beider deutscher Staaten 1990 erinnern können und verwundert den massenhaften Einsatz von Deutschlandfahnen bei der WM 2006 erlebten. Eine begeisternde Zeitreise – nicht nur für Fußballfans.

Nächste Vorstellungen am 4., 16. und 30. Oktober im Deutschen Theater in Göttingen, Theaterplatz 11, Telefon Theaterkasse 0551 / 496-11.

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