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19:32 10.02.2012
An seinem Stammplatz auf dem Stadthallen-Podium: das Göttinger Symphonie Orchester unter Christoph-Mathias Mueller mit dem Solisten Igor Levit. Quelle: EL

Heute zählt das GSO mit mehr als 110 Konzerten und mehr als 90 000 Zuhörern pro Jahr zu den erfolgreichsten Klangkörpern im mittel- und norddeutschen Raum.Michael Schäfer blickt zurück auf die Geschichte des Orchesters. Im Jahre 1862 richteten Göttinger Bürger an den Rat der Stadt ein Gesuch, in dem sie die (Wieder-)Einrichtung eines leistungsfähigen Klangkörpers forderten.

Federführend war der Weinhändler Eduard Bremer. In dem Gesuch heißt es: „Einer der Haupt-Vorzüge des Wohnens in größeren Städten besteht in der Gelegenheit, gediegene Musik-Werke von tüchtigen Musikern vorgetragen zu hören. ... Daher erlauben sich die unterzeichneten Bürger Göttingens [...] diese Vorstellung zu überreichen mit der ergebensten Bitte: daß wie früher, so auch  jetzt ein tüchtiger Stadt-Musikus angestellt werden möge,  [...] um ein tüchtiges städtisches Orchester wieder herzustellen“.

Der Rat nahm die Anregung auf. August Ferdinand Schmacht wurde Stadtmusikus. Am 4. Dezember 1862 präsentierte er das neue „Stadtmusik-Corps“ in einem Antrittskonzert. Am Vorabend war das Orchester in der Göttinger Erstaufführung von Beethovens „Fidelio“ aufgetreten. Bis 1875 stieg die Zahl der Instrumentalisten auf 32 Musiker. Das Stadtmusik-Corps spielte nicht nur Werke von Rossini, Wagner, Suppé und anderen, sondern auch Musik für vaterländische Zwecke, etwa zur Feier des Falls von Paris im Deutsch-französischen Krieg am 1. Februar 1871. Schmachts Nachfolger war ab 1886 Rudolph Bullerjahn, der in seiner vierjährigen Wirkungszeit dem Orchester wertvolle Impulse gab. Unter Bullerjahns Nachfolger Eduard Gustav Wolschke wurde das Orchester in den Dienst des neuen Stadttheaters gestellt. Das führte zu Problemen, weil Theaterdienste viel Zeit kosteten und schlecht bezahlt wurden. Zudem machten die Militärkapellen dem Orchester mit Symphoniekonzerten Konkurrenz.

Die Orchesterstärke wuchs,  ebenso die musikalischen Anforderungen, etwa mit Wagners „Lohengrin“ 1893 und Gastspielen berühmter Virtuosen, wie Eugen d’Albert (1891) und dem Pianisten und Komponisten Ferruccio Busoni (1896). Wolschkes  Nachfolger Walter Mundry führte von 1904 bis 1913 das Orchester. Unter seiner Leitung wurden weitere aktuelle Opern ins Repertoire genommen, so Wagners „Walküre“ (1908)  und Puccinis „La Bohème“ (1912). Zu den Gastdirigenten gehörten Richard Strauss und Max Reger.

Auch der 1913 neu berufene Dirigent Philipp Werner blieb nur knapp neun Jahre in Göttingen. In seine Zeit fällt die Göttinger Erstaufführung von Puccinis „Madame Butterfly“ (1921). Unter Werners Nachfolger Heinz Schwier wurden Dirigent und Instrumentalisten Angestellte des Stadttheaterdirektors, der auch die Zahl und Programme der Symphoniekonzerte bestimmte. Weil die Musiker nun in den Theaterferien arbeitslos wurden, verdingten sie sich im Sommer in Kurkapellen der Region.

In den Jahren nach dem Weggang Schwiers gab es häufige Wechsel der Kapellmeister. Als prominenter Pultgast dirigierte Richard Strauss am 11. November 1932 seinen „Rosenkavalier“ in Göttingen. Zu den Solisten dieser Jahre gehörten die Pianisten Wilhelm Kempff, Eduard Erdmann und der Cellist Enrico Mainardi.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schien sich die Tradition zunächst fortzusetzen. Zum 1. August 1946 wurde Fritz Lehmann als neuer Kapellmeister des Orchesters verpflichtet, der sich verstärkt der Neuen Musik zuwendete. Doch dieser Aufschwung wurde 1951 jäh beendet. Das Stadttheater wurde aus Geldmangel auf eine reine Sprechbühne reduziert. Zwar beschäftigte der neue Intendant Heinz Hilpert in seinem „Deutschen Theater in Göttingen“ anfangs weiterhin ein Orchester, als dessen Dirigent Günther Weißenborn verpflichtet wurde. Doch am 14. Juni 1951 war das Aus für das Theaterorchester endgültig.

Die entlassenen Musiker nahmen das Ende ihres Orchesters als Herausforderung an. Am 22. April 1951 konstituierte sich der Verein „Göttinger Symphonie-Orchester“, bestehend aus den Musikern des Orchesters, dem Dirigenten Günther Weißenborn sowie Förderern und Gönnern. Vorbereitet wurde die Gründung in Räumlichkeiten, die Weinhändler Georg Bremer zur Verfügung stellte – Enkel jenes Eduard Bremer, der 1862 die Petition an den Rat unterzeichnet hatte. Aus dem Opernorchester war ein Konzertorchester geworden, das von Anfang an starken Rückhalt in der Bevölkerung hatte. Das zeigte sich an den flammenden Bürgerprotesten, wenn wieder einmal laut darüber nachgedacht wurde, die Subventionen zu streichen.

Von Michael Schäfer

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