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Vor 25 Jahren in der Verlagsbranche gestartet

Wallstein Verlag Vor 25 Jahren in der Verlagsbranche gestartet

Sie wollten „langfristig ins Fachbuch-Geschäft“ einsteigen, hieß es im November 1988 im Göttinger Tageblatt. Sie: das waren die drei Jung-Verleger Thedel von Wallmoden, Student der Germanistik und Philosophie, sowie seine Freunde Dirk und Frank Steinhoff, die ihr erstes Buch auf den Markt brachten. Zwei Jahre zuvor hatten sie, ausgerüstet mit ungewöhnlich guten Kenntnissen in der Computertechnik, 1986 in Göttingen den Wallstein Verlag gegründet.

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Hat seinen Verlag breit aufgestellt: Thedel von Wallmoden.

Quelle: Schäfer

Ihr allererstes Produkt noch vor Verlagsgründung war ein Kneipenführer durch Göttingen, betitelt „Quo vadis“, produziert 1985 auf einem Apple-Computer und einem Laserdrucker. So etwas besaßen damals nur wenige.

Eine Reihe von Gutscheinen, ein großes Fest in der Mensa und ein Gewinnspiel – verlost wurde eine Reise nach Jamaica – machten den Kneipenführer so attraktiv, dass am Ende genug Geld für die Verlagsgründung zur Verfügung stand. Aus Wallmoden und Steinhoff entstand der Verlagsname Wallstein. Heute, 25 Jahre später, heißt es in einem Bericht des Magazins „Cicero“, „das kleine Göttinger Haus“ sei „eine feste Größe in der Verlagsbranche“. 25 Jahre sind für die Eroberung dieser Position eine kurze Zeit. Schriftsteller Michael Krüger schwärmte kürzlich sogar, Wallstein sei „der schönste deutsche Verlag dieser Jahre“.

Erste Gehversuche in der Satztechnik unternahmen die Jung-Verleger, die anfangs in der ersten Etage über einer Kneipe in der Roten Straße residierten, mit dem Göttinger Busfahrplan und einem Philatelistenkatalog. Bald schon zählten sie dank ihrer Kompetenz renommierte Verlage wie DVA, dtv, Text & Kritik, Diogenes, DuMont oder Suhrkamp/Insel zu ihren Kunden. Und in zuerst kleinen, dann immer größeren Schritten begann der Verlag mit eigenen Buchproduktionen. „Mein scharmantes Geldmännchen“ hieß der im Tageblatt 1988 vorgestellte erste literarische Wallstein-Titel, der Briefwechsel zwischen Gottfried August Bürger und seinem Göttinger Verleger Dieterich, herausgegeben von Ulrich Joost. Das Werk ist noch lieferbar.

Wallmoden, der „germanistische Kopf des Verlags“, wie es damals im Tageblatt hieß, hatte einen Band mit Gedichten von Friedrich Günther von Goeckingk herausgebracht und plante für die nähere Zukunft Texte deutscher Literatur vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, vom barocken Schelmenroman-Autor Johann Beer bis zu Novellen des Expressionisten Paul Zech. Und schon damals waren die ersten Bände einer Schriftenreihe zur Lichtenberg-Forschung in Planung.

Die literarische Ausrichtung des Verlags hat sich in den vergangenen 25 Jahren zwar erweitert, doch die damals vorgestellten programmatischen Konturen sind erkennbar geblieben. Ein Schwerpunkt ist weiterhin das 18. Jahrhundert, das Zeitalter Bürgers und Georg Christoph Lichtenbergs, dessen „Sudelbücher“ den Anstoß zum Namen der Essay-Reihe „Sudelblätter“ gaben. Mit bibliophil ausgestatteten Werkausgaben von Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Ludwig Christoph Heinrich Hölty, Adolph Freiherr von Knigge und Johann Heinrich Voß stehen bedeutende Schriften dieser Ära in zuverlässigen Editionen zur Verfügung. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts mit Werkausgaben von Hugo Ball bis Ricarda Huch. Aus jüngerer Zeit stammen die Schriften von Stefan Andres, Nicolas Born und Hans Wollschläger.

Im Wissenschaftsprogramm des Verlages spielt die Holocaustforschung eine große Rolle. In diesem Zusammenhang steht Ruth Klügers Autobiographie „weiter leben – Eine Jugend“, erschienen 1992. Es wurde mit fast 300 000 verkauften Exemplaren Wallsteins Bestseller, nachdem zuvor Suhrkamp das Manuskript abgelehnt hatte mit dem Argument, es genüge den literarischen Ansprüchen des Hauses nicht. Übersetzt wurde „weiter leben“ in zehn Sprachen. „Ohne Ruth Klüger“, sagte Wallmoden 2001 in einem Interview, „wären wir längst nicht da, wo wir stehen.“

Ähnlich erfolgreich waren in den letzten Jahren Carl Zuckmayers „Geheimreport“, für den amerikanischen Geheimdienst geschrieben, und die „Deutschlandberichte“ desselben Autors sowie die Briefe Gottfried Benns an Ursula Ziebarth („Hernach“), Michael Hagners „Geniale Gehirne“ und eine Ausgabe der Briefe Golo Manns. Zu den etablierten Programmsparten zählen daneben die Zeitgeschichte, die Dokumentation des Nationalsozialismus, die Erforschung der Geschichte der frühen Bundesrepublik sowie in den letzten Jahren zunehmend auch die Wissenschaftsgeschichte.

Wallstein-Chef Wallmoden, Jahrgang 1958, ist Göttingen treu geblieben und hat für seinen Verlag inzwischen eine breitere Basis geschaffen. Denn 2004 gelang es ihm, Thorsten Ahrend, vorher Lektor bei Suhrkamp, in sein Haus zu holen, der inzwischen ein viel beachtetes Belletristik-Programm mit vorwiegend jungen Autoren aufgebaut hat. Damit setzt der Verlag deutliche Akzente auf die Gegenwartsliteratur.

Ahrend ist auch – mit dem Wallstein-Personalchef Markus Ciupke – Gesellschafter bei Wallstein. Die Brüder Steinhoff hatten bereits 1992 den Verlag verlassen.

1996 wurde Wallstein mit dem Niedersächsischen Verlagspreis ausgezeichnet. 2002 erhielt er eine regionale Auszeichnung als familienfreundlicher Betrieb. 2008 konnte der Verlag seinen 1000. Titel herausbringen. Inzwischen sind etwa 1500 Titel lieferbar, dazu fast 200 E-Books. Pro Jahr erweitert sich das Programm um rund 130 Titel.

Für das Jubiläumsjahr ist unter anderem eine fünfbändige Gandhi-Werkausgabe in neuer Übersetzung geplant. Im Hause Geiststraße 11 – der langjährige vorherige Standort in der Planckstraße 23 war inzwischen aus allen Nähten geplatzt – sind 18 Mitarbeiter beschäftigt, der Jahresumsatz lag 2010 bei 2,5 Millionen Euro.

Und welche Zukunftsträume hat Thedel von Wallmoden? Wieder etwas aus seiner Lieblings-Ära, dem 18. Jahrhundert: Eine Gesamtausgabe der Briefe Gottfried August Bürgers möchte er herausbringen. Die Quellen seien erschlossen, es gebe auch Wissenschaftler, die die Edition gern übernehmen würden. Nur mit der Finanzierung hapere es derzeit noch. Aber vielleicht findet sich ja auch für dieses Projekt dereinst ein „scharmantes Geldmännchen“. Zu denen gehört beispielsweise die Wüstenrot-Stiftung, die bereits mehrere Wallstein-Werkausgaben in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt großzügig gefördert hat.

Sein Jubiläum begeht der Wallstein Verlag mit einer Feier im Leipziger Café Telegraph, Dittrichring 18, am Donnerstag, 17. März, um 21 Uhr anlässlich der Buchmesse, wo er in Halle 5 am Stand D 108 vertreten ist. In Zusammenarbeit mit dem Literarischen Zentrum Göttingen ist eine weitere Feier in Göttingen geplant: am Freitag, 17. Juni, um 20 Uhr im Alten Rathaus.

Von Michael Schäfer

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