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Weite Bögen in die Vergangenheit der Schwestern

Lucette ter Borg liest im Bahnhof Göttingen Weite Bögen in die Vergangenheit der Schwestern

Kultur im Bahnhof – diese beiden Substantive in einem Satz zu lesen, mag irritieren. Das Konzept funktioniert trotzdem: Die niederländische Autorin Lucette ter Borg las im „World Coffee“ des Göttinger Bahnhofs aus ihrem aktuellen Roman „Fallkraut“, der in deutscher Sprache in diesem Jahr im Göttinger Wallstein-Verlag erschienen ist.

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Um Liebe und Moral: Lucette ter Borg liest aus ihrem Roman, Thorsten Ahrend moderiert.

Quelle: Pförtner

Und wenn man sich während einer Lesung zur Abwechslung einmal mit Kaffee auf der Couch lümmeln darf, verzeiht man auch gerne die ständigen Verspätungsmeldungen der Deutschen Bahn.

Für ihren Roman wählt ter Borg einen dazu passenden, aber beileibe keinen einfachen Ausgangspunkt: Schon Tolstoi hat in seiner „Kreutzersonate“ eine Zugfahrt beschrieben und ist daran, wenn man mal ehrlich sein darf, merklich verzweifelt. Im Roman der Niederländerin geht es nun auch um Liebe und Moral, allerdings bezogen auf die engsten Familienbande.

Die beiden Schwestern Sigrid und Valentine begeben sich auf eine Rheinfahrt. Genauso betulich wie die Kulisse aus Schlössern, Wiesen und Wäldern gestaltet sich auch das Leben der beiden Mittsechzigerinnen: Die eine ist Orchesterviolinistin, die andere Klavierlehrerin.

Beide scheinen erfolglos und komplexbeladen, mögen Kirsch- und Apfelkuchen und kommen schrecklich provinziell daher. Da verwundert es nicht, dass ter Borg fast krampfhaft versucht, ihnen gegensätzliche Persönlichkeiten zu verleihen: Die Dünne reist mit kleinem Gepäck, die dicke Schwester hat dagegen ein „Beautycase so groß wie ein Umzugskarton“.

Tatsächlich fürchtet man zuerst, die Geschichte versande ebenso im Belanglosen wie die Protagonistinnen. Der Autorin gelingt es dennoch, durch das Schlagen von weiten Bögen in die Vergangenheit der Schwestern interessante Probleme und Fragen aufzuwerfen. Auch die Verwendung zweier narrativer Ichs liefert interessante Perspektiven auf die so unterschiedliche Wahrnehmung zweier Menschen, die sich eigentlich sehr nahe stehen sollten.

Im Gespräch mit dem Lektor Thorsten Ahrend verriet die in Amsterdam lebende Autorin, dass „Familienbeziehungen oft am komplexesten“ sind. Schnell wurde deutlich, dass sie auch die eigene Familiengeschichte literarisch verarbeitet: Auch sie komme aus einer Musikerfamilie und kenne den Druck des Kulturbetriebs sehr gut. Dieser macht insbesondere Sigrid zu schaffen, die in der Geschichte ihre Stelle als erste Geigerin an einen Jüngeren abtreten musste. Das Geheimnis, wie weit sie zu gehen bereit ist, um diese Position wiederzuerlangen, verbirgt sich in ihrem Geigenkoffer, den sie auf ihrer Reise niemals aus den Augen zu lassen scheint.

Vielleicht ist ter Borgs Geschichte ja doch nicht so betulich, wie sie anfangs daherkommt?

Von Jonas Rohde

Lucette ter Borg: „Fallkraut“, Wallstein, 295 Seiten, 19,90 Euro.
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