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Wenn das Publikum im Stillen mitsingt

Erfolgsmusical „Hair“ am DT Wenn das Publikum im Stillen mitsingt

Der Mann im Foyer des Deutschen Theaters (DT) Göttingen sieht ganz Vertrauen erweckend aus. „Können Sie mir bitte kurz einen Geldschein leihen?“ Klar. Dann dreht er das Papier zu einem Röllchen und schnupft weißes Pulver. Drogenkonsum am öffentlichen Ort? Natürlich nicht.

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Starkes Ensemble im Deutschen Theater: Kuscheln steht  bei der neuen Generation in den 60er Jahren hoch im Kurs.

Quelle: Winarsch

Vor Beginn der Premiere des Musicals „Hair“ am Sonnabend führten einige Darsteller spielerisch in die Zeit des Musicals ein: die 60er Jahre mit der heranwachsenden Generation auf der Suche nach Freiheit, den Hippies, die das Leben besser machen wollten, den Alten, die das nicht verstanden. Und über allem der Vietnamkrieg, den junge Amerikaner mit dem Leben bezahlten.

DT-Intendant Mark Zurmühle hat das Musical inszeniert, das eigentlich nur in groben Zügen mit dem Film von Milos Forman zu tun hat, der „Hair“ Ende der 70er Jahre berühmt machte. Zurmühle und sein Team haben die Ursprungsfassung von Gerome Ragni und James Rado gewählt, das erste Rockmusical weltweit. Die Musik schrieb Galt MacDermot, die Uraufführung am Off-Broadway in New York wurde ein gefeierter Skandal. Ganz so weit geht die Göttinger Produktion nicht. Sie folgt jedoch dem Original, über das Kritiker 1967 schrieben, „Hair“ erzähle eigentlich keine Geschichte.

Und so verläuft auch die erste Göttinger Hälfte. Lied reiht sich an Lied, gesprochen wird wenig. Meist tummelt sich das komplette Ensemble auf der Bühne. Wer gerade nicht singt, der tanzt (Choreografie: Ayman Harper). Ein wildes Geschehen entwickelt sich. Wo hinschauen? Dennoch wird mit der Zeit klar, wer hier unterwegs ist und warum.

Claude hat seinen Schulabschluss in der Tasche, aber auch seine Einberufung zum Kampf in Vietnam. Seine Mähne wallt über die Schultern wie auch bei seinem Freund Berger. Der fliegt wegen der Haarpracht von der Schule, und seinen Marschbefehl vernichtet er. Sein Einstieg in den Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben. Sie hängen gerne mit ihrem Kumpel Woof ab, der Amerikas Ureinwohner preist. Sheila liebt Berger und demonstriert vehement gegen den Krieg. Jeannie ist ein Beatnik im Dauerrausch. Sie liebt Claude, er sie nicht. Um sie herum Freunde, die die Kunst bewundern, von einem eigenen Restaurant träumen, mit Drogen experimentieren und sich mehr oder weniger von der etablierten Gesellschaft zurückziehen. Aber auch das Establishment ist gegenwärtig. 

Claudes bieder-fieser Vater hofft darauf, dass die Army seinem Sohn die Flausen austreibt. Der Schuldirektor handelt gegen sein Gewissen, aber im Sinne von Recht und Ordnung. Und brave Bürger sind auch ein bisschen fasziniert von dem Freiheitsdrang der neuen Generation.
 Was im ersten Teil als musikalischer Trip vorbei fließt, wandelt sich in der zweiten Hälfte zu einem bewegenden Schreckensszenario. Noch einmal feiern die Freunde. Claude durchlebt auf Droge die kriegerische Vergangenheit seines Heimatlandes. Dann zieht er in einen Kampf, der nicht der seine ist und aus dem er nicht zurückkehrt.

„Hair“ zählt zu den erfolgreichsten Musikproduktionen der Theatergeschichte. Daran wird auch die DT-Produktion anknüpfen. Und hier hat der Erfolg mehrere Väter und Mütter. Zurmühle hat das Spektakel mit sicherer Hand und großem Gespür für Raum und Bilder organisiert. Eleonore Birchers Bühnenbild ist schlicht und schlagend: eine Wiese mit Blumen, die sich bis in den Himmel zieht.

Die Theaterband um den musikalischen Leiter Albrecht Ziepert rockt, bis die Gitarrensaiten qualmen und das glänzende Ensemble, stilecht von Ilka Kops ausgestattet, singt beeindruckend stark, allen voran Andreas Schreiber als Claude, Stefany Dreyer als Sheila, Marie Kristien Heger als Jeannie und Charlotte Irene Thompson (mit echtem Afrolook) als Dionne. Für all das gab es vom Premierenpublikum minutenlang Standing Ovations. Ein ganz starker Abend mit Liedern, die viele im Publikum in Erinnerung an damals in Gedanken mitsangen.

Die nächsten Vorstellungen: 7. Und 21. November, 1., 6., 11., 19. Und 22. Dezember um 19.45 Uhr im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Karten unter der Telefonnummer: 05 51 / 49 69 11.
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