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Regional Wie durch ein Fernrohr in die Vergangenheit geblickt
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19:16 16.09.2010
Mit 17 Jahren als Punkerin auf das Leben getroffen: Ulli Lust. Quelle: EF
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Ulli Lust, 1967 in Wien geborene Autorin und Zeichnerin, liest die Geschichte der 17-jährigen Punkette Ulli, die gemeinsam mit ihrer Freundin Edi nach Italien durchbrennt, um dem spießigen Alltag in Österreich zu entkommen und unter notgeile Machos gerät. Es ist ihre eigene Geschichte.

Die Sorglosigkeit und Naivität, mit der sich die Freundinnen auf den Weg machen, führt bei den Zuhören, zu amüsiertem Lachen. Besonders die offenherzige Edi, die einer Gruppe von italienischen Jünglingen die Sprache verschlägt, als sie deren Frage, ob sie mit ihnen Sex haben wolle, mit „ja klar“ beantwortet. Lust hatte die Schule vorzeitig verlassen, weil sie meinte, dass man nicht zur Schule gehen und gleichzeitig Punk sein könne. Mit nichts weiter als einem Schlafsack und einer Unterhose zum Wechseln wollen Ulli und Edi quer durch Italien reisen. Per Anhalter, mit der Eisenbahn und zu Fuß erreichen sie die italienische Grenze. Um sich nicht ausweisen zu müssen, überqueren sie sie illegal im Wald. Ihr erstes Ziel ist Verona. „Eigentlich wollten wir nach Venedig, aber das Auto fuhr halt nach Verona“, erzählt Lust in breitem Wienerisch. In der norditalienischen Stadt, die den beiden Punks viel zu spießig ist, lernt Ulli erstmals, was es heißt, als junge Touristin allein unterwegs zu sein. Ein älterer Mann, der die bettelnde Ulli sie zu einer Pizza einlädt, fordert nach dem Essen ihren Dank. Er zerrt die junge Frau in eine Scheune, wo sie mit ihm schlafen soll. Ganz kann sie sich ihm nicht entziehen.

Von Verona geht ihre Reise weiter über Adria-Badeorte nach Rom und über Neapel nach Palermo auf Sizilien. Auf dem Weg dorthin verlieren sich Ulli und Edi. Hatte Ulli schon an ihrem ersten Tag in Verona erfahren müssen, dass die italienischen Männer junge Touristinnen als Freiwild ansehen, so muss sie in Palermo lernen, sich die Mafiosi vom Leib zu halten.

Lust, die sich über das gesteigerte Interesse an Comics freut, studierte an der Kunsthochschule Berlin Weißensee Graphic-Design. Nach ihrer Rückkehr aus Italien, bei der sie auf Unverständnis und Ablehnung ihrere Umgebung traf, arbeitete sie in Wien als Kostümbildnerin und Modezeichnerin. Auf die Zuschauerfrage, warum sie diesen Stoff trotz der negativen Erfahrungen bei ihrer Rückkehr erzählen wollte, antwortet sie deutlich. Sie habe zeigen wollen, wie sich ein so junges Mädchen in einer patriarchischen Gesellschaft fühlt. Außerdem habe sie genügend Abstand gewonnen, der ihr ermöglichte, während der fast fünfjährigen Schaffensphase an dem Buch durch eine Art Fernrohr auf die 17-jährige Ulli zu blicken. Die Graphic Novel ist der bislang umfangreichste Comic Deutschlands.

Ulli Lust: „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“, Avant Verlag, 463 Seiten, 29,95 Euro.

Von Anna-Sophie Meyer

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