Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Regional Wie man islamischer Extremist wird
Nachrichten Kultur Regional Wie man islamischer Extremist wird
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:29 27.04.2018
Yassin Musharbash im Literarischen Zentrum, 23-04-2018 Quelle: hein
Anzeige
Göttingen

Zum Eingang der Lesung stellte “Welt”-Journalist Richard Kämmerlings den “Jenseits”-Autor mit den Worten vor, Musharbash sei “einer der besten Kenner der arabischen Welt”. Die (zu) kurz gefasste Inhaltsangabe von “Jenseits”: Der verwahrlosende junge Gent Sassenthin aus Rostock landet im Drogen- und Alkoholrausch im Taxi eines erzkonservativen, aber charismatischen Muslims, der ihn dazu bringt, sich mit dem Islam zu beschäftigen. Unter dem Gefühl, seinem Leben wieder einen Sinn geben zu können, wendet er sich schnell noch radikaleren islamischen Gruppen zu. Schließlich reist er nach Raqqa aus, der damaligen Machtzentrale des Islamischen Staates (IS), um dort dem „wahren Glauben“ zum Sieg zu verhelfen. Dort setzen die neuen Herren den ausgebildeten Rettungssanitäter unter anderem als willigen Vollstrecker barbarischer Körperstrafen nach dem islamischen Rechtskodex, der Scharia, ein. Doch irgendwann packen ihn Zweifel.

Davon bekommen die Journalistin Merle Schwab und der aus dem Libanon stammende Verfassungsschützer Sami Mukhtar Wind: Schwab wittert die ganz große Story, und Mukhtar sieht darin einen Fall, an dem er sich endlich beweisen kann.

„Amputieren“ mit der Axt

Was sehr schnell deutlich wird: Der Autor Musharbash, selbst Journalist bei “Spiegel online” und der “Zeit” mit thematisch einschlägigen Rechercheerfahrungen, weiß, wovon er spricht und schreibt. Die Darstellungen des Alltagslebens in Raqqa entsprechen den überschaubaren Informationen, die während der IS-Herrschaft nach draußen gedrungen sind. Und wenn Musharbash beschreibt, mit welchen antiseptischen und sonstigen medizinischen Vor- und Nachbereitungen der entsprechende ausgebildete Sassenthin einem verurteiltem Dieb mit einer Axt die Hand “amputiert”, zeigt das unter anderem, dass diese Szene nicht nur den in einer Reihe von Propagandavideos dokumentierten IS-Praktiken entspricht, sondern auch den Regeln der Scharia im Kontext eines streng ausgelegten Islam: Der Delinquent soll nicht an Wundbrand leiden oder gar sterben, sondern nur seine Hand verlieren. Und das theologisch einwandfrei.

Islamische Initiation

Wie also kommt ein junger Mann aus Deutschland dazu, nach Jahren der Religionsferne sich plötzlich und bedingungslos der Ideologie eines vor fast 1400 Jahren gestorbenen arabischen Schafhirten, Händlers und Analphabeten zu verschreiben, der sich selbst als Prophet verstand und so zum Religionsbegründer wurde? Durch das Versprechen einer neuen Sinngebung und Wertschätzung, das einen innerlich zutiefst verunsicherten jungen Mann aus der westlichen Werteordnung herauszureißen in der Lage ist, meint Musharbash in “Jenseits”. Beispielsweise erfährt der junge Gent im Zuge seiner islamischen Initiation, wie ihm “zehn so gute Freunde, wie du sie noch nie in deinem Leben gehabt hast”, an die Seite gestellt werden. Und er erlebt fast rauschhaft, wie ihm, dem Orientierungslosen, nun die Aufmerksamkeit seines neu erwählten Gottes zuteil wird: “Ich werde gesehen.” “Allah sieht mich.” Und mitten in meinem wirren Leben plant Gott für mich.

Sechs Jahre, sagt Musharbash, habe er an “Jenseits”, seinem zweiten Thriller nach “Radikal”, gesessen. Und die Früchte der ersten vier Jahre davon weggeworfen, um neu zu beginnen. Konstruiert hat der Journalist seine fiktive Erzählung in enger Wechselwirkung mit Recherchen in der realen Welt des radikalen Islam.

Schuld ist nicht „der Westen“

Und unter Verwendung eigener Empfindungen: Im Literarischen Zentrum am Montag las er eine Passage, in der Verfassungsschützer Mukhtar sich in Gedanken über die Gründe der Misere seiner arabisch geprägten Herkunftsregion verliert. Tenor: Schuld sind nicht “die Amerikaner”, “die Russen”, “der Westen” oder “der Kolonialismus”. Schuld sind wir selbst, unser Stammesdenken, unsere Waffenhändel, unsere Verantwortungslosigkeiten, unsere Bereitschaft zum Verrat, sinniert Mukhtar. Die Passage, erklärte Musharbash, habe er in einer seiner Schreibnächte hintereinanderweg niedergeschrieben – und sich am nächsten Morgen gefragt, ob sie tatsächlich in “Jenseits” enthalten sein soll. Seine Antwort an sich selbst: “Das muss eine eigene Bedeutung haben. Der Text bleibt drin.”

Von Matthias Heinzel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Lyrikerin Dorothea Grünzweig hat den Kurt-Sigel-Lyrikpreis 2018 erhalten. Das PEN-Zentrum Deutschland hat sie am Donnerstag seiner Jahrestagung in Göttingen geehrt. Die Schriftstellervereinigung schreibt den mit 4000 Euro dotierten Preis alle zwei Jahre aus.

26.04.2018

Bei Sport Meets Music, der Benefizgala des Stadtsportbundes Göttingen (SSB), treten am 29. April neun verschiedene Sportgruppen zu Live-Musik des Göttinger Symphonie-Orchesters (GSO) auf. Die Karatekämpfer vom Karateverein Zanshin Göttingen gehören dazu.

23.04.2018

Der österreichische Künstler Alfons Planer zeigt im Künstlerhaus Göttingen unter dem Titel „Transversive – a processual selfforming sculpture“ wohlriechende, sich im Zeitlupentempo aus sich heraus verändernde Objekte. Ein vielsinniges Kunsterlebnis.

26.04.2018
Anzeige