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15:19 13.06.2018
Dokumentarfilm „Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes“. Regisseur Wim Wenders meint: Der Papst „ist einfach unglaublich menschlich“. Quelle: dpa
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Göttingen

Hausbesuch beim Papst: Wim Wenders hat einen Film über und mit Franziskus gedreht. Außerdem laufen das britische Drama „Vom Ende einer Geschichte“, die Komödie „Das ist erst der Anfang“ und der viel gelobte Horrorschocker „Hereditary – Das Vermächtnis“ an.

„Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“

Wenn sein weißes Schultergewand im Fahrtwind flattert, könnte man meinen, Superman vor sich zu haben. Gleich hebt er gewiss ab von seinem Papamobil, um ein oder zwei Wunder zum Wohle der Menschheit zu vollbringen. Papst Franziskus kann aber nicht fliegen. Und Wunder vollbringen kann er auch nicht.

Aber er kann reden – über Gott und die Welt, nein, eher noch über die Welt und Gott, in dieser Reihenfolge. Direkt in die Kamera schaut er in Wim Wenders’ Dokumentarfilm „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ dank einer besonderen Technik, einer Art umgekehrten Teleprompters, des von Dokumentarfilmer Errol Morris erfundenen Interrotrons. Jeder soll sich direkt angesprochen fühlen. Dies sei ein Film „mit“ dem Papst, nicht „über“ ihn, betont Wenders.

Hausbesuch beim Papst: Wim Wenders hat einen Film über und mit Franziskus gedreht. Quelle: Universal Pictures

Der Papst spricht freundlich, einfach, einnehmend. Er kritisiert unseren zerstörerischen Umgang mit der Erde, den mörderischen Kapitalismus, verweist auf den Zusammenhang von Würde und Arbeit, beklagt die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Er beobachte eine „globale Gleichgültigkeit“, die Gefahr, sich an das Elend anderer zu gewöhnen. „Wir sind alle verantwortlich“, sagt er. Solch eine Entschiedenheit würde man sich auch von anderen Amtsträgern wünschen.

Vier lange Interviews hat Wenders mit Franziskus geführt, auf Spanisch, der Muttersprache des argentinischen Papstes. Ergänzt hat der Filmemacher die Gespräche durch Material aus dem überreichen Bildarchiv des Vatikans, zu dem er freien Zugang hatte. Tausende Stunden Material hat Wenders nach eigenen Worten gesichtet.

Doch ist kaum zu unterscheiden, ob wir originale Wenders-Bilder oder solche aus dem Vatikan vor uns haben. Manches kommt einem allerdings bekannt vor: Einmal sitzt der Papst der versammelten Kurie gegenüber und prangert „geistlichen Alzheimer“, Gewinnstreben, Geschwätzigkeit, fehlende Demut und manche andere „Krankheit“ an. Wir schauen in die bedröppelten Gesichter einer Riege steinalter Männer um ihn herum.

Zudem streut Wenders ein paar gespielte Szenen mit einem Franz-von-Assisi-Darsteller ein, gedreht mit einer uralten Kurbelkamera. Die Schwarz-Weiß-Einsprengsel sind der Versuch, die Menge an gesprochenem Text aufzulockern. Die Assisi-Szenen helfen zumindest, dem Selbstverständnis des Papstes auf die Spur zu kommen: Franziskus hat sich nach dem Mann benannt, der sich vor 800 Jahren daran machte, die Kirche von innen heraus zu erneuern. Keiner der 255 Vorgänger des Papstes hat das getan.

Man versteht sofort, dass Wim Wenders diesem Kirchenführer verfallen ist, der so wenig Aufhebens von sich macht und doch überall wie ein Popstar empfangen wird. Dieser Papst fordert für Pädophile in der Kirche „null Toleranz“, sieht Frauen als die besseren Berater und möchte sich nicht anmaßen, schwule Sexualität zu bewerten. Und, ach ja, er wünscht sich, dass jeder sich Zeit für Genuss und Zärtlichkeit nehmen möge.

Der Namensgeber: Franz von Assisi

Franz von Assisi gilt als Schutzheiliger der Armen, Blinden, Lahmen, Strafgefangenen und Schiffbrüchigen – und der Ökologie. Geboren wurde Giovanni Battista Bernardone 1181 (oder 1182) als Sohn eines reichen Tuchhändlers. Als junger Mann geriet er bei kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Assisi und Perugia in Gefangenschaft. Dieses Erlebnis veränderte sein Leben grundlegend.

Der Legende nach sprach Christi Stimme zu ihm: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.“ Von da an wandte sich Franz von Assisi von allem irdischen Reichtum ab und schlug auch sein Erbe aus. Er zog als demütiger Wanderprediger umher, so wie es sein Vorbild Jesus getan hatte. Seine Anhänger trugen eine grobe Tunika mit Kapuze und einen Strick als Gürtel. So entstand der Franziskanerorden.

Immer wieder trat Franz von Assisi für ein Miteinander aller Geschöpfe ein. In allen Tieren und Pflanzen sah er seine „Brüder“, sogar im Wolf. In seinem „Sonnengesang“, geschrieben kurz vor seinem Tod, pries Franz von Assisi Gott für die Schöpfung der Erde und des gesamten Kosmos. Papst Johannes Paul II. erklärte Franz von Assisi zum Patron des Umweltschutzes.

Franziskus sagt, man dürfe keine Angst vor Revolutionären haben. Ob er dabei sich selbst meint? Kaum vorstellbar jedenfalls, dass ein solcher Film mit Vorgänger Benedikt XVI. möglich gewesen wäre.

Die Bewunderung des Regisseurs für den Papst hat einen entscheidenden Nachteil: Sie verhindert jeden kritischen Zwischenton, jede Spur Skepsis, jede Distanz. Das hat seinen Grund möglicherweise auch darin, dass dies hier eine Auftragsarbeit ist. So etwas hat Wenders noch nie zuvor gemacht. Eines Tages fand er einen Brief mit Vatikansiegel in seiner Post.

Ob er einen Film über Franziskus drehen wolle? Er wollte. Was gerade Wenders für diesen Job qualifiziert hat? Immerhin hat er schon mal einen Film über einen Engel auf Erden gedreht, der Mensch werden wollte („Der Himmel über Berlin“). Zudem hat er manchen herausragenden Dokumentarfilm vorgelegt: „Buena Vista Social Club“ (1999) über kubanische Musiker, „Pina“ (2011) über die Tänzerin Pina Bausch, zuletzt „Das Salz der Erde“ (2014) über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado.

Wer Einsichten in die Institution Vatikan erwartet, wird allerdings enttäuscht. Und wer gehofft hat, der Papst würde persönliche Einblicke geben, wird ebenso wenig fündig. Einmal zitiert der Papst zwinkernd einen Ausspruch von Thomas Morus: „Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.“ Das war es dann schon.

Unwillkürlich stellt man sich die Frage, wie es wohl tief im Innern dieses Papstes aussieht: Egal wie vielen Kranken er den Kopf streichelt, wie viele Füße von Häftlingen er wäscht, wie viele Flüchtlinge er begrüßt, wie viele Reden er vor den Vereinten Nationen oder im US-Kongress hält: Wird nicht alles immer schlimmer auf diesem Planeten? Muss der Papst sich nicht schrecklich einsam fühlen? Trotz der Einwände gegen diesen vielleicht zu respektvollen Film lohnt es sich, einem außergewöhnlichen Menschen zuzuhören. Man muss dafür auch nicht Katholik sein.

„Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“, Regie: Wim Wenders, 96 Minuten, FSK 0

Wenn die Erinnerung trügt: das britische Drama „Vom Ende einer Geschichte“. Quelle: Wild Bunch Germany

„Vom Ende einer Geschichte“

Je älter wir werden, desto wichtiger werden unsere Erinnerungen. Wenn die Gegenwart ihren Ereignischarakter verliert, gewinnen die Geschehnisse der Vergangenheit an Bedeutung. Aber Erinnerungen sind trügerisch. Nicht nur, weil das Gedächtnis seinen Dienst versagt, sondern auch, weil wir im Erinnern unsere eigene Geschichte formen. Unangenehmes wird verdrängt, vergessen, zurechtgebogen.

In seinem Roman „Vom Ende einer Geschichte“ hat Julian Barnes dieses Phänomen in ebenso kompakter wie packender Form beschrieben. Nun hat sich der international reüssierte indische Regisseur Ritesh Batra („The Lunchbox“, 2013) des Stoffes angenommen. Kein leichtes Unterfangen angesichts der introspektiven Erzählhaltung der Vorlage.

Jim Broadbent („Another Year“) spielt den geschiedenen Pensionär Tony, der einen Laden für gebrauchte Leica-Kameras betreibt. Eines Tages flattert ihm ein Anwaltsschreiben ins Haus, welches ihn in Kenntnis setzt, dass die Mutter seiner Jugendliebe Veronica ihm ein Tagebuch vererbt hat. Die Aufzeichnungen stammen von Tonys verstorbenem Schulfreund Adam, in den sich Veronica damals verliebte – was zu ihrer Trennung von Tony führte.

Das alles ist ein halbes Jahrhundert her, versetzt den alten Mann jedoch in Unruhe, zumal Veronica die Herausgabe des Tagebuchs verweigert. Tony erzählt seiner Ex-Frau Margaret (Harriet Walther), mit der ihn immer noch ein vertrautes Verhältnis verbindet, von Veronica – zum ersten Mal. Zunächst nehmen die verklärten Erinnerungen an eine Jugendliebe und die enge Freundschaft zu Adam in Rückblenden Gestalt an. Aber je länger das juristische Ringen um das Tagebuch dauert, desto deutlicher wird, dass Tonys Gedächtnis die Ereignisse in geschönter Form gespeichert hat. Die Begegnung mit Veronica (Charlotte Rampling) bringt die schmerzhafte Wahrheit und die dramatischen Folgen zum Vorschein.

Regisseur Batra erzählt diese Geschichte über die schwindende Kraft der Verdrängung in einem sanften Ton, verschränkt Gegenwart und Rückblenden elegant miteinander und hat einen Hauptdarsteller, der als älterer Herr alle Sympathien auf sich zieht. Aber der gemütliche Flow ist trügerisch, denn mit dem Fortschreiten der Geschichte wird klar, dass es um ungemütliche Themen geht – um Ereignisse, die nicht wiedergutzumachen sind.

Batra kann auf ein tolles Ensemble zurückgreifen. Broadbent und die fabelhafte Harriet Walther spielen die Vertrautheit und die Distanz eines ehemaligen Ehepaares nuancenreich. Charlotte Rampling kann in nur einem schafottartigen Blick das Leid und die Verachtung eines Lebens bündeln. Wieder einmal beweist das britische Kino, dass es für Schauspieler im fortgeschrittenen Alter Rollen mit der notwendigen Tiefe findet. Daran könnten sich Hollywood, aber auch das deutsche Kino ein Beispiel nehmen.

„Vom Ende einer Geschichte“, Regie: Ritesh Batra, mit Jim Broadbent, Charlotte Rampling, 108 Minuten, FSK 0

Endzeit für zwei pubertäre Opas: peinlicher Sexismus mit Morgan Freeman und Tommy Lee Jones (Foto). Quelle: Wild Bunch Germany

„Das ist erst der Anfang“

Man hätte gewarnt sein können: In der Hollywoodkomödie „Das ist erst der Anfang“ versuchen fidele Alte beiderlei Geschlechts, sich auf jugendlich zu trimmen. Die Herren der Schöpfung in einer US-Seniorenresidenz in Palm Springs sehen sich immer noch als Testosteronkönige, die nicht mehr taufrischen Damen fühlen sich dank Botox „forever young“. Hotelmanager Duke (Morgan Freeman) ist der Hahn im Korb. Was er nicht weiß: Die Frau eines Mafioso erkennt ihn als denjenigen Kronzeugen, der ihren Mann einst in den Knast gebracht hat. Die Dame verlangt von ihrem im Killergeschäft unerfahrenen Sohn „den Kopf der Ratte auf dem Tablett“. Doch auch von einem Neuankömmling droht Gefahr: Leo (Tommy Lee Jones) macht Duke seine Vormachtstellung auf dem Golfplatz streitig.

Unglaublich, was sich hier an verstaubtem Sexismus findet. Schmuddelige Altherrenwitze aus der Gerontologieabteilung finden sich zuhauf. Wenn zum Zeitpunkt des Drehens schon die Vorwürfe gegen Morgan Freeman wegen seiner sexuellen Übergriffe bekannt gewesen wären, hätte er wohl auf diesen Film verzichtet.

„Das ist erst der Anfang“, Regie: Ron Shelton, mit Morgan Freeman, Tommy Lee Jones, 90 Minuten, FSK 6

Sind die Rechten gar nicht so? Professor Pierre Mazard (Daniel Auteuil) in einer Szene des Films "Die brillante Mademoiselle Neila". Quelle: Universum Film

„Die brillante Mademoiselle Neila“

Regisseur Yvan Attal hat mit Daniel Auteuil und (Sängerin) Camélia Jordana ein Traumpaar der Unkorrektheit am Start. Als die Erstsemesterin Neila Salah mit einiger Verspätung zur ersten Vorlesung über Römisches Recht im Saal eintraf, hat Professor Mazard sich in eine Tirade mit antimuslimischen Schlenkern hineingesteigert. Der grimmige Alte soll die gedemütigte und stinkwütende junge Frau nun für einen Rhetorikwettbewerb der Hochschulen vorbereiten. So will es der Uni-Präsident. Schafft er es nicht, kann der ungeliebte Dozent den Hut nehmen.

Das ist über weite Strecken unterhaltsam, mit einer Romanze angereichert, und garantiert dem Zuschauer eine Gutfühlzeit wie bei „Monsieur Pierre geht online“ oder „Monsieur Claude und seine Töchter“ und wie die französischen Komödien sonst heißen, die in Deutschland mit kassenträchtigen Anrede-Titeln versehen werden. Gibt ihm aber auch das beruhigende Gefühl, dass die Rechten gar nicht so rechts sind. Und da sollte er sich bloß nicht täuschen. big

„Die brillante Mademoiselle Neila“, Regie: Yvan Attal, mit Camélia Jordana, Daniel Auteuil, 97 Minuten, FSK 0

Da graut sich was zusammen: „Hereditary – Das Vermächtnis“. Quelle: Splendid Film

„Hereditary – Das Vermächtnis“

Annie (Toni Collette) hält eine Trauerrede auf ihre Mutter Ellen. Doch man hört heraus, dass das Verhältnis nicht das beste war. Auch Annies Beziehung zu ihren Kindern ist, wie sich herausstellt, problembelastet.

„Hereditary“ – zu Deutsch „Erblich“ – ist einer jener Filme, von deren Handlung man so wenig wie möglich preisgeben sollte. Es passiert etwas unsagbar Schreckliches. Der Trauerfall wächst sich aus zu einem Okkultschocker. Regisseur Ari Asters Film erinnert an Polanskis „Rosemaries Baby“. Besonders Toni Collette spielt die Ambivalenz ihrer Annie virtuos aus. bra

„Hereditary – Das Vermächtnis“, Regie: Ari Aster, mit Toni Collette, Gabriel Byrne, 123 Minuten, FSK 16

Von Margret Köhler, Stefan Stosch und Martin Schwickert / big / bra

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