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„Wir sind Fettes Brot aus Göttingen“

Open-Flair 2010 in Eschwege „Wir sind Fettes Brot aus Göttingen“

Wenn sich musikbegeisterte Männer, mehr oder weniger geschmackssicher kostümiert, mit Bierkästen in Einkaufswagen durch die Straßen schieben lassen, beschwingte Frauen mit Plastikbecher-Krönchen und T-Shirts mit Aufdrucken wie „Rülpsende Prinzessinnen“ unterwegs sind, kann das nur eines heißen: Open-Flair in Eschwege.

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Schwindelerregende Rock’n’Roll-Show: The Hives aus Schweden.

Quelle: Mischke

Auch in diesem Jahr wieder Rock-Pop-Punk-Ausnahmezustand im beschaulichen Werrastädtchen, dessen Bewohnerzahl sich in den vier Flair-Tagen nahezu verdoppelt.

Einen neuen Besucherrekord konnten die Veranstalter in diesem Jahr vermelden: Rund 18     000 Musikfans waren an jedem Festivaltag unterwegs. Schon vor Jahren wurde das Kleinkunstzelt in den Schlosspark ausgelagert, um das Festivalgelände zu optimieren und, nach dem Probelauf 2009, wurde in diesem Jahr erstmals eine dritte große Bühne am Werratalsee bespielt. Deren Konzept erwies sich, nach den Worten der Organisatoren, als verbesserungswürdig. Der Plan, die Publikumsströme um Haupt- und Freibühne zu entzerren, ging nicht wirklich auf. Zu weit waren wohl die Wege und zu attraktiv das Programm auf dem Hauptgelände, wo es zeitweise wirklich eng wurde.

Und das Line-Up konnte sich auch 2010 wieder hören lassen. Schon „Blumentopf“ spielen am frühen Freitagabend auf der Mainstage vor vollem Platz, ebenso wie die Trashcorer von „NOFX“. Die trotz energetischer Show viel von ihrer Power und Durchschlagskraft eingebüßt haben. Zu lang gerieten Ansagen und Erklärungen, zu kurz die Musik. Das sah bei den „Levellers“ im Anschluss schon ganz anders aus: rotziger Folkrock-Punk. Geiger Jonathan fiddelt, bis der Bogen raucht. Höhepunkt des Tages „Jan Delay und Disko No. 1“. In feines Tuch gehüllt, verwandelt der bekennende Hutträger Delay das staubige Areal in eine riesige Open-Air-Disko. Maßgeblichen Anteil daran hatte die phantastische zehnköpfige Backing-Band.

Auch der Sonnabend trifft den musikalischen Nerv der Besucher: Nach den „Mad Caddies“ und den „Broilers“ haben „Turbostaat“ leichtes Spiel. Die dicht gedrängte Menge tanzt, schwitzt, pogt. Da ist die Security gefragt: Wasser wird erst in kleiner Dosierung, dann mit dem Schlauch verabreicht. Heimlicher Headliner: „Ska-P“ machen ihrem Namen alle Ehre. Treibender Offbeat und eine turbulente Show von Sänger „Pipi“ heizen die Menge an. Tausende tanzender Menschen erzeugen riesige Staubwolken im Scheinwerferlicht. Danach „The Hives“, Alternative-Rockband aus Schweden. „Wie geht’s euch motherfuckers“, fragt Sänger Howlin’ Pelle Almqvist und tobt ohne die Antwort abzuwarten über die Bühne. 90 Minuten dauert die schwindelerregend schnelle Rock’n’Roll-Show. Crowdsurfing ist zwar verboten, aber wen stört das schon.

Wer glaubt das Publikum ist sonntags um 16 Uhr noch nicht rockbar, wird von „Papa ­Roach“ eines Besseren belehrt. Shouter Jacoby Shaddix und seine Jungs blasen mit mächtiger Gitarrenwand den Staub des Vortags aus den Klamotten. „Bela B“ stellt zusammen mit seiner Band „Los Helmstedt“ sein zweites Soloalbum „Code B“ vor und wirft statt Sticks jetzt Gitarrenplektren in die Menge. Vom Drittel-Arzt zum alleinigen Frontmann: Chauvi trifft Charme mit Hang zur großen Pose. „Bad Religion“ spielen in Eschwege das letzte Deutschland-Konzert ihrer Tour zum 30. Jahrestag. Lange haben die Fans auf die Gelegenheit gewartet und feiern die Band aus Los Angeles jetzt mit vollem Körpereinsatz. Das Beste zum Schluss: „Wir sind ,Fettes Brot‘ aus Göttingen und zum 37. Mal auf dem Open-Flair“, begrüßt König Boris die Besucher. Glatt gelogen, aber eine Band, die einen ihrer größten Hits („Emanuela“) gleich zu Beginn der Show spielt, hat es wohl geschafft und kann sich vieles erlauben. Kurz nach Mitternacht endet das Open-Flair 2010. 3000 Tickets für das kommende Jahr wurden noch in derselben Nacht verkauft. Auf ein Neues.

Von Christoph Mischke

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